Auftritt der Woche : Echter Schnauzer, falsches Brusthaar

Als Dieter Thomas Kuhn mit seiner Schlagermusik anfing, setzte er klar auf Persiflage. Heute kann man nicht immer sicher sein, ob er es nicht doch mitunter auch sehr ernst meint mit Liebesschmerz und allem anderen. Am Samstag singt er in der Waldbühne.

Anna Sauerbrey
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Alles so schön schräg hier. -Foto: Promo

Das Wichtigste zuerst: Ja, der Schnurrbart ist echt. Also nicht angeklebt wie das üppige Brusthaargekräusel, das Dieter Thomas Kuhn auf der Bühne anzulegen pflegt und das nachweislich auch schon getrennt von ihm zu sehen war. Damals, in jener Ausstellung, die Bürger seiner Heimatstadt Tübingen zu seinen Ehren organisierten, nachdem Kuhn 1999 angekündigt hatte, nie wieder Schlager zu singen.

Aber lieber nicht wieder an alte Zeiten rühren. DTK ist längst zurück, schon seit einigen Jahren tingelt er wieder durch die Republik, mit voller Schlagerkraft sozusagen. Jetzt gibt es das vierte Schlageralbum seit dem Comeback, Titel: „Schalala.“ Am 4. Juli in der Waldbühne spielt die Glitzercombo Songs der neuen Platte und sicher auch „Griechischer Wein“. Kuhn sagt, er freue sich nach Berlin zu kommen, auch wenn die Waldbühne wegen ihrer Größe ein Wagnis sei. Aber: „Da zu stehen, wo Barbra Streisand stand, das ist schon toll.“ Angst, er und die Band könnten als „Provinz-Eier“ bei den verwöhnten Hauptstädtern durchfallen, hat er nicht. Der Kartenverkauf laufe gut, und von Trends kriege er sowieso nichts mit.

Um auf den Schnauzer zurückzukommen: Abseits der Bühne, in Zivil, trägt Kuhn dazu an einem Montagnachmittag im Café des ARD-Hauptstadtstudios Jeans, Cowboystiefel und eine lange Rockermähne, ein normaler Typ, der deutlich schwäbelt. Kein Haarspray, keine Föhnwelle, keine Pailletten, auch nach dem Wasserglas greift er ganz ohne den gespreizten Mikrophongestus, den er sich aus den Schlagershows abgeguckt hat, die Menschen unter 65 das öffentlich-rechtliche Fernseh-Wochenende vermiesen.

Kuhns Verhältnis zum „echten“ Schlager und seinem ganzen biederen Drumherum scheint zunächst schizophren. Er selbst gibt unumwunden zu, dass er den Schlager in den Anfangszeiten der Band „gehasst“ hat. Die Wurzeln des Projekts liegen in der Persiflage. Noch heute ist die Ironie in Titel und Aufmachung der neuen Platte zu spüren. Die Auswahl der Songs für das DTK-Repertoire ist zwar „Gefühlssache“, sagt Kuhn, viele Schlager seien auch gute Popsongs. Aber ein Kriterium kann auch sein: „Das Stück muss saublöd sein.“ So hat es zum Beispiel „Der letzte Tanz“ von Christian Anders auf „Schalala“ geschafft.

Und doch wurde Kuhn neben Guildo Horn zum „Legalisator“ des Schlagers, wie er selbst sagt. Leute, die bislang bei Howard Carpendale wegzappten, ziehen zum Konzert bunte Krawatten an und grölen jede Zeile mit, Frauen werfen mit Unterwäsche. Das funktioniert offenbar immer noch, auch nach 15 Jahren DTK. Im Windschatten von Kuhn und Guildo Horn wurde es derweil normal, im Radio Gefühliges in gereimter deutscher Sprache zu hören. Heute können Bands wie Silbermond „Gib’ mir ein kleines bisschen Sicherheit“ singen, ohne das irgendjemand auf die Idee käme, das Label Schlager daraufzukleben. Auch ganz ohne Ironie.

Kuhn weiß, dass er und seine Band vor allem ein Party-Ventil bieten. An den Platten verdienen sie fast nichts, das Hauptgeschäft ist der Livebetrieb. Warum er das so gut kann, weiß Kuhn selbst nicht so genau, aber solange es funktioniert und Spaß macht, will er weitersingen. Die Kunstfigur DTK, die mit der Föhnwelle und den Pailletten, lebt. Dass Figur und Person kaum zu trennen sind, dass nie ganz klar ist, was echt und was angeklebt ist, ist Teil des Erfolgsgeheimnisses.

4. Juli, 20 Uhr, Waldbühne, Tickets für 30 Euro (www.berlin-ticket.de)

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