Auftritt der Woche : "Ich denke, es ist Rock"

Früher tanzte Kevin Costner mit dem Wolf, jetzt hat er umgesattelt und spielt mit der Band Modern West im Tempodrom.

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Costner
Ganz nah dran. Die flüchtigen Begegnungen mit dem Kinopublikum sind Kevin Costner zu oberflächlich. Ganz anders erlebt er dagegen...Foto: dpa

Es gibt Filmstars, die würden am liebsten gar nicht wieder runter vom roten Teppich. Leute wie Tom Cruise, der dort endlos Hände schüttelt, Autogramme verteilt, in Handykameras grinst und dann, nach dem Pflichtauftritt im Premierenkino, gern noch mal nach draußen eilt, um die Zaungäste erneut zu beglücken. Aber es gibt auch Schauspieler, denen ist das Glamourbad in der Menge zu lau, die flüchtige Begegnung zu oberflächlich. Die fühlen „das Bedürfnis, mit den Menschen in bedeutungsvollerer Weise in Kontakt zu treten als nur durch ein Autogramm“. Stars wie Kevin Costner, die das zu oft erlebt haben: „Eine schnelle Unterschrift im Vorbeigehen, meist gefolgt von einem ,Oh, er ist größer als ich dachte.‘“ Er jedenfalls hat aus dem Dilemma einen Ausweg gefunden – als Rockstar.

Über die Einsamkeit auf dem roten Teppich klagt Costner auf der Internetseite seiner Band Modern West. In der Musik dagegen sieht er „die Möglichkeit für einen authentischeren Austausch als über einen Film, ein TV-Interview oder ein Magazin“. Und damit es auch zu wirklich intensivem Austausch zwischen Musikern und Zuhörern kommt, bevorzugt er „unbestuhlte Konzertorte, wo das Publikum buchstäblich in Reichweite der Band ist“. Das Tempodrom dürfte seinen Wünschen recht nahe kommen. Dort gastiert Costner am Donnerstag mit den fünf Kollegen von Modern West, verstärkt um die Songwriterin Sara Beck, im Rahmen einer ausgedehnten Europatour – im Gepäck „Turn It On“, die bereits zweite Platte der Band. Die erste, „Untold Truths“, kam vor zwei Jahren heraus, fand respektvolle bis lobende Kritiken, wurde jedoch allzu schnell unter Country abgeheftet – ein Etikett, das Costner nicht mag, wie er beim Backstage-Interview vor dem „Wetten, dass...?“-Auftritt am 27. Februar erklärte: „Ich denke, es ist Rock.“ Zutiefst amerikanischer Graswurzelrock, um genau zu sein, in der Tradition von Tom Petty und Bruce Springsteen, mit Texten, die die Freiheit des Highways oder das Tempo der Nascar-Rennen beschwören, die Liebe auch, na sicher, aber wenn es mal um bittere Dinge wie Krieg geht, dann ist es nicht der in Vietnam oder im Irak, sondern der amerikanische Bürgerkrieg. Kurz: Costners Musik folgt eher der Route 66, nicht dem Sunset Boulevard.

Singende Schauspieler gibt es einige, Bruce Willis etwa oder Will Smith, nicht immer hört sich das gut an. Costner dagegen hat schon manchen, der nur den Hollywoodstar sehen wollte, auch als Rockmusiker überzeugt. Singen kann er, das muss man ihm lassen, und besonders mag er es „live, loud and long“. Ein Showgenie allerdings ist er nicht. Kein Büffeltanz mit Gitarre wie Neil Young, kein Bühnendauerlauf im schweißnassen Hemd wie der Boss. Costners Gesten bleiben sparsam, ein emporgereckter Zeigefinger, zwei ausgebreitete Arme, eine Hand, die zum Herzen weist – das ist meist alles.

Doch auch wenn er sich auf der Bühne dem Publikum näher wähnt als vor der Kamera – völlig getrennt sind die beiden Bereiche nicht. „Meine Musik und meine Filme gehen Hand in Hand“, so sieht er es selbst. Wobei anfangs nicht klar war, ob er nun Schauspieler oder Sänger werden sollte. Den ersten Zugang zur Musik erhielt Klein-Kevin, geboren am 18. Januar 1955 im kalifornischen Lynwood, durch die im Kirchenchor singende Mutter und die Klavier spielende Oma. Kirche und Schule waren seine ersten Bühnen, der Heranwachsende aber interessierte sich bald mehr für The Four Seasons und Motown-Music als für Spirituals und Gospels, später, so zählt er auf, folgten Springsteen, Neil Young, Eric Clapton und Sting.

Mitte der Achtziger lernte Costner über einen Schauspiel-Workshop John Coinman und Blair Forward kennen, gründete mit ihnen die Band Roving Boy und hatte bald erste Erfolge, vor dem Mikrofon wie vor der Kamera. In Brian de Palmas „The Untouchables“ (1987) war er Al Capones Gegenspieler Eliot Ness, die Rolle bedeutete den internationalen Durchbruch. Und ein Jahr später landete Roving Boy mit der Single „Simple Truth“ einen Tophit in Japan – heute unter Sammlern ein begehrtes Stück Rockgeschichte.

An zwei Karrierewegen zu basteln wurde auf Dauer zu viel, und so sank die Musik für Costner mit steigendem Erfolg als Schauspieler zum Hobby herab. Den Kontakt zu den Bandmitgliedern ließ er nie abreißen, besonders auf Coinmans Kompetenz griff er gern zurück, so auch in dem von sieben Oscars gekrönten Meisterwerk „Der mit dem Wolf tanzt“: Der Kumpel von Roving Boy hatte die musikalische Oberaufsicht inne.

Das Ungenügen an bloßen Autogrammkontakten mit dem Publikum aber blieb, und so hatte Costners zweite Frau Christine Baumgartner wohl nicht allzu viel Überredungskunst anzuwenden, als sie ihn drängte, seiner verborgenen Leidenschaft wieder mehr Raum zu geben. „Meine Frau sagte: ,Hey, du bist am glücklichsten, wenn du Musik machst. Warum machst du damit nicht weiter?‘“ – so schildert Costner den Beginn seiner zweiten Musikerkarriere. Das war während der Dreharbeiten zu dem Rettungsschwimmer-Drama „The Guardian“, zu dessen Premiere der Schauspieler im Oktober 2006 nach Berlin kam. Gut möglich, dass er bei den Interviews im Regent-Hotel am Gendarmenmarkt davon geträumt hat, stattdessen Musik zu machen.

Fehlte nur noch eine Band. Costner besann sich auf seine alten Freunde John und Blair, die sofort dabei waren. Bald war eine passable Truppe zusammengestellt, erste Songs entstanden, oft per E-Mail, weil alle weit verstreut lebten. Geübt wurde auf Costners Ranch in Aspen, Colorado. 2008 war die erste Platte fertig, Konzerte folgten, für Costner stets Stunden voller „Fun“, und er fühlt sich dabei, „als wenn man den Tank füllt“.

Schon im Oktober 2009 spielte Costner mit Modern West in Berlin, auf einer Gala zugunsten der McDonald’s Kinderhilfe-Stiftung im Hyatt am Potsdamer Platz. Auch damals schwärmte er davon, wie sehr Musik ihn berühre, und er erzählte, dass er weiter Western drehen wolle, „das ist Teil meiner Kultur“. Der er übrigens auch als Musiker huldigt: Zu den auf der Band-Website angebotenen Fanartikeln gehört ein T-Shirt, darauf die Namen Costner und Modern West, dazu die stilisierte Abbildung eines Mannes mit Cowboyhut. Genau so einen trug Costner als Wyatt Earp.

Kevin Costner & Modern West, Tempodrom, 18. März, 20 Uhr. Karten ab 48 Euro

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