Auftritt der Woche : Lenny mit Lederjacke statt Federboa

Popstar Lenny Kravitz empfiehlt auf seiner neuen Platte die "Love Revolution“ und hat den früheren Luxusexzessen abgeschworen – jedenfalls ein bisschen. Am Donnerstag spielt der New Yorker in Berlin.

Jörg W,er
Lenny Kravitz
Lenny will es wieder krachen lassen. -Foto: ddp (Archivbild vom 18.05.2002)

Als kürzlich bei Radio Eins im „Soundcheck“ die aktuelle Platte von Lenny Kravitz vorgestellt wurde, zeigten die Daumen des Kritikerquartetts einstimmig nach unten: „Niete“ lautete das vernichtende Urteil für „It's Time for a Love Revolution“. Dabei gab es neben der als grobschlächtig und hoffnungslos vorgestrig gerügten Musik und den plakativen Texten noch mehr Gründe für die kollektive Ablehnung. Kravitz, der mit seinen 43 Jahren bislang jeder Alterung zu trotzen scheint, lässt auch in der Eitelkeit nicht nach: 26 Fotografien des Künstlers zieren Cover und Booklet der CD. Und wenngleich er den Federboa-Look früherer Jahre für einen bodenständigeren Lederjacken-Softmachismo abgelegt hat, springt einem die narzisstische Natur des Musikers sofort ins Auge.

Allerdings, wenn einer Grund hat, eitel zu sein, dann doch wohl Lenny Kravitz. Aufgewachsen in der gut situierten New Yorker Künstlerbohème als Sohn einer Schauspielerin und eines Jazzpromoters, zeigte sich bei Klein-Lenny schon im Vorschulalter der Wunsch, Musiker zu werden. Ersten Auftritten als Chorknabe folgte eine pubertäre Rebellionsphase, in deren Folge er zu Hause auszog und auf eigene Faust sein Glück versuchte.

Seine erste Pop-Inkarnation wurde indes ein Flop: In den Achtzigern belagerte er als „Romeo Blue“, einem an Prince und David Bowie orientierten Alter Ego mit blauen Kontaktlinsen und geplätteten Haaren, erfolglos die Vorzimmer diverser Plattenfirmen, die den unausgegorenen Stilmix des Gernegroß entweder als nicht „schwarz“ oder „weiß“ genug ablehnten.

Zumindest dem ersten Namensteil seiner frühen Künstleridentität wurde Lenny schon in dieser Zeit gerecht: Den Ruf als Frauenvernascher erwarb er sich durch die Ehe mit Schauspielerin Lisa Bonet, und durch wahre oder angedichtete Affären mit Nicole Kidman, Madonna, Vanessa Paradis und anderen blieb er ihm bis heute erhalten.

Auch mit der Karriere ging es bald aufwärts: Das fast im Alleingang eingespielte Debütalbum „Let Love Rule“ verblüffte 1989 mit einer selbstbewussten Songkollektion, in der das Spätwerk der Beatles und die Einflüsse von Black-Music-Heroen wie Jimi Hendrix, Al Green oder Sly Stone zu einem nostalgischen Stilgemisch verarbeitet wurden. Bei den folgenden Platten wurden zwei Arten von Hits zum Markenzeichen des Lenny Kravitz: Emotional bewegende Downtempo- Stücke wie „It ain’t over ’til it’s over“ oder „Flyaway“, die oft haarscharf, aber entschieden an der Schnulze vorbeischrammten, und erotisch aufgeladene Gitarrenbohrer wie „Are You Gonna Go My Way“ ebneten den Weg zum Popstarleben, das Meister Kravitz als Freund von Stretchlimos, Learjets und Luxusvillen auskostete. Dem Himmelsritt mit vier Grammy-Auszeichnungen in Folge und dem Coolness-Ritterschlag als Mitwirkender in einer „Simpsons“-Episode folgte in den letzten Jahren ein leichter Karrieresinkflug mit Sättigungssymptomen beim Publikum. Eigentlich hatte man nicht wirklich das Gefühl, einer neuen Platte von Lenny Kravitz entgegenzufiebern.

Und nun? Ist „Love Revolution“ tatsächlich so schlecht wie das erwähnte Kritikervotum vermuten lässt? Oder doch eher ein Befreiungsschlag, eine grandiose und zeitgemäße Hommage an den Heavy Rock von Led Zeppelin, die der Rezensent des „All Music Guide“ zu hören glaubt? Das mag jeder für sich entscheiden. In Interviews gibt sich Lenny Kravitz neuerdings als Elder Statesman des Pop, der gute Ratschläge für Kolleginnen wie Amy Winehouse und Britney Spears bereit hält und den materiellen Exzessen früherer Tage abgeschworen hat - aber trotzdem noch gern mit Privatkoch und Masseurin unterwegs ist. Und der unverdrossen an die Kraft seiner simplen Liebesbotschaft glaubt.

Columbiahalle, Donnerstag, 20 Uhr, Eintritt 40 € + VVK

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