Auftritt der Woche : Motörhead - Liebenswerte Metal-Monster

Sie sehen böse aus - sind aber ziemlich liebenswert. Am Freitag spielt die beliebte Rockband in der Zitadelle Spandau und wird den Lautstärkepegel einmal mehr über die Schmerzgrenze fahren.

Sebastian Leber
Motörhead
Lemmy Kilmister. Ein grundehrlicher Mensch. -Foto: dpa

Sie sind keine Schönheiten. Ihre musikalischen Fähigkeiten sind begrenzt. Der Sänger säuft, meistens Jack Daniel’s mit Cola. Und zum Konzertbeginn grüßt er mit den Worten: „Wir sind Motörhead und werden Euch in den Hintern treten“. Warum sollte man sich als Zuschauer so etwas antun?

Fakt ist: Wenn die britische Radauband Motörhead am Freitag in der Zitadelle Spandau spielt, werden Tausende im Publikum feiern. Und alle krachenden Rocksongs über Krieg, Heroinsucht und Puffbesuche Zeile für Zeile mitgrölen. Ein unbeteiligter Beobachter könnte das Geschehen getrost als kollektiven Tobsuchtsanfall beschreiben.

Wenn man dann noch hört, was Sänger Lemmy Kilmister, 62, privat so treibt, wird er einem richtig suspekt. Der Mann verbringt seine Freizeit in Spielhallen und Stripbars, versucht seinen Whiskey-Pegel konstant hoch zu halten. Das Provozierendste an ihm ist seine Sammelleidenschaft: Er hortet Nazi-Devotionalien – nicht aus politischen, sondern „ästhetischen Gründen“, sagt er. Zu seinen Lieblingsstücken gehören SS-Uniformen und Silberbestecke mit Hakenkreuz.

Lemmy ist ein grundehrlicher Mensch

Wie kommt es, dass so ein Idiot in der Musikwelt als Respektsperson gilt? Dass er nicht nur von anderen Krachbands wie Metallica vergöttert wird, sondern auch von sanfteren Typen wie Queen-Gitarrist Brian May? Den Motörhead-Sänger gibt es inzwischen sogar als Actionfigur zu kaufen, mit drehbarem Plastikkopf und E-Bass in der Hand.

Seit 33 Jahren ist die Band im Geschäft, Journalisten waren sehr kreativ, Frontmann Kilmister drastische Namen zu geben: „Metal-Monster“ und „Scheusal des Rock“ zum Beispiel, auch „Ungeheuer“ und „Warzenschwein“ haben sie ihn genannt. Warzenschwein ist definitiv irreführend, denn die großen Hautwucherungen, die Kilmister im Gesicht trägt, sind keine Warzen, sondern Leberflecke. Darauf beharrt er in Interviews. Und das ist ein erster Pluspunkt: Lemmy Kilmister ist ein grundehrlicher Mensch. Auch seine Musik – das ganze System Motörhead – basiert auf Ehrlichkeit. Kilmister gibt Auskunft über alles. Dabei erfährt man, dass der Waliser auf den zweiten Blick ein wirklich liebenswürdiger Kerl ist. Er mag die Beatles. Er kann Tango tanzen und zitiert Immanuel Kant. Er lehnt Prügeln ab und nennt Rechtsradikale eine „geistesgestörte Bande“. Außerdem hat er einen feinen Sinn für Humor. Kilmister lacht sehr gerne. Der Comicfigur „Spongebob“ hat er einen Song gewidmet.

Auf der Bühne ist die Band höflich – nur halt auf ihre Art. Zum festen Prozedere eines Konzerts gehört es, dass sich der Gitarrist beim Publikum erkundigt, ob es denn auch „laut genug“ sei. Was natürlich eine rhetorische Frage ist, denn zu leise waren Motörhead noch nie. Einmal wurden in der Halle 141 Dezibel gemessen, das sind 20 über der Schmerzgrenze. Wer sich am Freitag in die Zitadelle wagt, sollte unbedingt Ohrstöpsel mitbringen.

Das letzte Berlinkonzert von Motörhead ist erst sechs Monate her. Im Dezember spielte das Trio in der Columbiahalle, die Show war ausverkauft. Und das Publikum tobte, weil Lemmy nicht nur alle Klassiker wie „Overkill“ und „Ace Of Spades“ spielte, sondern sich auch an einem Mundharmonika-Solo versuchte. Doch Kilmister hat nicht nur gute Erinnerungen an Berlin. Vor drei Jahren lag er zehn Tage in der Charité, nach einem Konzert war er dehydriert zusammengebrochen. Seitdem achtet der Sänger darauf, dass er tagsüber genügend Wasser trinkt. In Lemmys Universum heißt das: Er steckt sich mehr Eiswürfel in seine Whiskeys.

Das Konzert beginnt am Freitag um 18 Uhr, zuerst treten Danko Jones und Rose Tattoo auf. Es gibt noch Karten für 48 Euro auf www.berlin-ticket.de

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