AUFTRITT DER WOCHE : Reize aussenden

Eva Jantschitsch, auch bekannt als Gustav, spielt in der Volksbühne.

Kolja Reichert
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Wiens Wunderkind. Eva Jantschitsch nennt ihr Bandprojekt Gustav. Foto: Promo

BerlinGustav sollte man nicht trauen. Sanfte Streicher eines Salonorchesters betten den Hörer in Watte und eine unschuldige Frauenstimme stimmt einen verträumten Gesang an. Das könnte in jedem Kaffeehaus laufen. Erst wenn man auf den Text hört, spürt man, dass Sprengstoff im Raum ist. „Rettet die Wale“, heißt es in der Single, die Gustav 2004 ersten Ruhm bescherte, „und stürzt das System“. Da weiß man natürlich gar nicht, ist Widerstand jetzt toll oder zwecklos.

So lakonisch wie aus dem Mund von Eva Jantschitsch klangen politische Parolen wohl noch nie. Nun glaube keiner, die Endzwanzigerin, die Dienstag in der Volksbühne aufspielt, meine es nicht ernst. Das Wunderkind des österreichischen Pop kommt aus der linken Künstlerszene Wiens und engagiert sich in feministischen Netzwerken. Eva Jantschitsch hat Kunst studiert und Filme gedreht. Sie suchte eine Waffe. Musik war die stärkste. „Damit kann ich mir und anderen unmittelbarer was vermitteln“, sagt sie. Das erste Stück richtete sich gegen die Regierung von Bundeskanzler Schüssel. „Ja, auch ich unterschreibe nun die Petition“, singt Jantschitsch in „Abgesang“, das auch das aktuelle Album eröffnet, „ich bin für mehr Logik, mehr Konzentration.“

Gustav eröffnet keine klaren Fronten, die es erlauben, sich auf der eigenen kritischen Weltsicht auszuruhen. Schlachtrufe und Utopien gibt es hier nur mit ironischem Doppelboden. „Ich will Friede“, singt sie in „Happy Birthday“, „und Freude. Und verdammt nochmal den Eierkuchen.“ Aber, so heißt es im Refrain: „Das Leben ist kein Wunschkonzert.“

Zwei Jahre hat Jantschitsch alleine am Titelstück geschrieben. Das Katastrophenszenario in „Verlass die Stadt“ bezieht sich auf die Unruhen in den Pariser Banlieues 2005. „Nur eine Frage der Zeit bis der nächste Stadtteil brennt“, singt Jantschitsch zur bedrohlichen Orchesterbegleitung. Eine Hymne diffusen Unbehagens. „Ich will Reize aussenden und Betrachtungsweisen ändern“, sagt die Sängerin. Für breitere gesellschaftliche Bewegungen sieht sie zumindest in Österreich vorerst schwarz. Sie hofft, dass ihre Kunst in kleinem Rahmen etwas bringe. „Zumindest mir. Gustav ist ja auch so eine Art Self-Edutainment-Programm.“

Warum eigentlich „Gustav“? „Mein Vater wollte immer einen Sohn haben. Und so wurde ich bis zum dritten Lebensjahr Gustav genannt.“ Der Männername ist auch eine Maske, die klar macht, dass hier keine süße Songwriterin über Befindlichkeiten singt, sondern eine konzeptuell geschulte Künstlerin gesellschaftliche Verhältnisse reflektiert.

Dienstag wird sich Jantschitsch von einem Gitarristen und einer Pianistin begleiten lassen. „Es wird lauter als auf der Platte“, verspricht sie, „teilweise radikaler. Und verspielter.“ Woran denkt sie, wenn sie an Berlin denkt? „An die Kälte.“ An die großen Straßen. An die „adretten Menschen“. Und an das Rauchverbot. Vor einem Jahr, erzählt Jantschitsch, irrte sie frierend mit ihrem Koffer durch Kreuzberg, auf der Suche nach einem Café, in dem sie rauchen darf. Freiheit beginnt für Jantschitsch zwischen zwei Fingern. Und hat mit Feuer zu tun. Kolja Reichert

Dienstag 20 Uhr, Karten 20 Euro. Mehr Popinfos unter www. tagesspiegel.de/pop

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