Auftritte der Woche : Harte Kerle: Bushido und Sido

Wer sich nicht zwischen beiden Berliner Rappern Sido und Bushido entscheiden mag, kann sie jetzt kurz hintereinander hören.

Nana Heymann,Lydia Brakebusch
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Reim dich oder ich rap dich. So hart sich die beiden Sänger Bushido (Foto) und Sido auch weiterhin geben - eine Tendenz zur...Foto: dpa

Harte Jungs verstecken ihre Gesichter hinter Totenkopfmasken – harte Männer bekennen sich zu ihrer sensiblen Seite und stehen zu Spießertum und Pantoffeln. So geschehen bei einem Interview, zu dem Rapper Bushido lud. Da liefen die Mitarbeiter seiner Plattenfirma „Ersguterjunge“ in Plüschpuschen durch das Kreuzberger Hinterhofbüro, um das frisch verlegte Laminat zu schonen, während der Künstler selbst den umsichtigen Gastgeber gab, der im Gespräch von der kleinbürgerlichen Idylle in Lichterfelde-West schwärmte, wo er sich kurz zuvor ein Haus gekauft hatte. Und noch zu Beginn der Unterhaltung entschuldigte er sich dafür, nicht in Topform zu sein. Er habe Kopfschmerzen, sagte Bushido – weil er wetterfühlig sei.

An diesem Montag soll tagsüber gelegentlich die Sonne scheinen. Es bleibt zu hoffen, dass sich das gut auf Bushidos Konstitution auswirkt. Am Abend tritt der Rapper im Huxley’s auf, zusammen mit seinem Kollegen Fler – die beiden bilden das Duo Sonny Black & Frank White. Der Auftritte ist eine kleine Sensation. Denn noch bis vor kurzem waren die zwei zerstritten. Ihre Differenzen legten sie bei, um das gemeinsame Album „Carlo, Cokxxx, Nutten 2“ einzuspielen, das nun erschienen ist.

Harte Schale, weicher Kern: Bei keinem Berliner Künstler bewahrheitet sich dieser Spruch so sehr wie bei dem 31-jährigen Bushido. In Songtexten und Interviews lobt er immer wieder seine Mutter, die ihn als Alleinerziehende großgezogen hat. Für den Vater hingegen, einen Tunesier, hat er nicht viel übrig – weil der die Familie sitzen ließ. Und auch seine Gegner geht Bushido, der mit bürgerlichem Namen Anis Mohamed Youssef Ferchichi heißt, scharf an. In seinen Texten ist oft von Nutten, Tunten und Schwulen die Rede. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat einige seiner Stücke deshalb auf den Index gesetzt. „Echter Rap war nie die Sprache feiner Musiker“, verteidigt sich Bushido, „er war immer dreist, erniedrigend und aggressiv.“

Zurzeit verfilmt der Rapper sein Leben, mit Produzent Bernd Eichinger und Regisseur Uli Edel. Der Film basiert auf Bushidos Biografie, die im vergangenen Jahr erschien und auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestseller-Liste landete. Neben Hannelore Elsner, die Bushidos Mutter spielt, steht auch Moritz Bleibtreu vor der Kamera. Die Produktion soll im kommenden Frühjahr in die Kinos kommen, unter dem Titel: „Zeiten ändern sich“.

Dass Bushido ein äußerst geschäftstüchtiger Künstler ist, steht außer Frage. Für seine Alben hat er bislang zahlreiche Preise kassiert, unter anderem MTV-Awards, Echos sowie Platin- und Goldauszeichnungen. Gerade erst hat Bushido mit Kollege und Kompagnon Kay One Songtexte für mehrere 10 000 Euro an Kölner Rapper verkauft. Die drohen ihm nun mit Ärger, weil er die gleichen Texte auch an andere Künstler verkauft haben soll. Harte Männer machen eben auch harte Geschäfte. Nana Heymann

Huxleys, Hasenheide 107-113, Montag, 20 Uhr, Tickets: 29 Euro


Mit Bushido und Sido ist es ähnlich wie mit den Toten Hosen und den Ärzten. Der eine nimmt sich immer einen Tick zu ernst, trägt bei der großen Pose immer etwas zu dick auf. Und der andere? Wie Bushido pumpt der 29-jährige Sido seine Texte voll mit Bad-Boy-Attitüde und Sexismus. Aber wie die Ärzte beherrscht er das Augenzwinkern. Dass dem Großteil seiner Fans diese Ironie wohl entgeht, weiß Paul Hartmut Würdig alias Sido selbst. Im Interview mit der Zeitschrift „Galore“ gestand er ein: „Also die Fans, die wirklich zugeben, meine Fans zu sein, so ‚Bravo’-Leute eben, die verstehen meine Texte nicht. Die hören nicht auf den Sinn der Texte, verstehen auch keine Witze. Denen geht es nur um die Attitüde. Aber intelligente Menschen verstehen meine Texte natürlich.“

Sidos Karriere gründet auf einem Lied über Analsex, erschienen 2003, das an expliziter Derbheit kaum zu übertreffen ist. Provokativ? Ja. Frauenfeindlich? Und wie – wenn man es ernst nimmt. Im Gegensatz zu Bushidos bedenklichen Ausflügen in die Politik ist es aber vor allem eines: pechschwarzer Pennälerhumor. Und lange her. Sido war jung und brauchte die Provokation, um Aufsehen zu erregen. Manch einer unterstellt ihm jetzt, nicht mehr authentisch zu sein, sich mit einer Portion Bravheit an den Mainstream anzubiedern: Weil er statt Totenkopfmaske jetzt eine randlose Brille trägt. Weil er nicht mehr im Märkischen Viertel wohnt. Weil er seit 2005 dieselbe Freundin hat. Was aber ist weniger authentisch: Nie aufzuhören, den Überproleten zu mimen – oder offen zuzugeben: „Mit 40 will ich ein Spießer sein“?

In der Pro-7-Sendung „Sido geht wählen“ gab er sogar den Nachrichtenonkel, sprach mit Politikern, um Jugendlichen die Parteienlandschaft zu erläutern. Na bitte! Die erst im Oktober vor Gericht abgeschlossene Affäre eines außer Kontrolle geratenen Nachbarschaftsstreits von 2007 passte schon besser zum alten Rüpel-Image: Sido gestand einige derbe Worte gegenüber der Mutter des eigentlichen Kontrahenten ein, gab auch zu, im Zorn eine Handvoll Kieselsteine geworfen zu haben, „aber da war keine Frau in der Nähe“. Gegen Zahlung von 12 000 Euro an gemeinnützige Vereine und 2000 Euro an die Frau wurde das Verfahren eingestellt.

In der Castingshow „Popstars“ hatte Sido im Vorjahr als Juror fungiert, ließ sich aber hinterher nicht den Mund verbieten. Er gab die Mechanismen von Manipulation und Inszenierung innerhalb der Sendung preis, die Lust an Schicksalsschlägen und die Charaktereigenschaften ihres Hauptdirigenten, Detlef D! Soost. Was für ein Spaß. Bushido kann weiter mit Biografie, Beckmann-Auftritten und Eichinger-Filmen den Superstar geben, Sido übt sich weiter im Augenzwinkern. Man kann es auch besser erkennen – jetzt, da die Maske runter ist. Lydia Brakebusch

Astra Kulturhaus, Revaler Straße 99, Sonntag, 20 Uhr, Tickets 25 Euro

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