Stadtleben : Aus dem Kessel in die Küche

AUFTRITT DER WOCHE: Laura López Castro zog von Stuttgart nach Berlin, probt in Altbauwohnungen und spielt nun in der Arena

Eva Kalwa

Für neue Liedtexte reist Laura López Castro schon mal bis ans Ende der Welt, denn als solches galt Tarifa am Südzipfel Europas vor der Entdeckung Amerikas. Durch die spanische Stadt wehen das ganze Jahr über starke Winde, die Selbstmordrate ist vielleicht auch deshalb überdurchschnittlich hoch.

„Es ist eine sehr melancholische Stadt. Zu Francos Zeiten wurden dort die Verrückten ausgesetzt“, erzählt die spanischstämmige Castro. Kein Ort also, um fröhliche Texte zu schreiben. Doch für die Wahlberliner Castro und den Gitarristen, Komponisten und Produzenten Phillipe Kayser alias Don Phillipe gehören Melancholie und Glück zusammen. „Man muss sich erst einmal dem Traurigen hingeben, um zu erfahren, was Glück bedeutet“, sagt die 27-Jährige.

Die Tochter spanischer Eltern wuchs behütet in der Nähe von Stuttgart auf, tanzt Flamenco, singt zeitweise in einer Indierockband und hört selbst gern Björk, kalifornischen Wüstenrock von Kyuss und die britische Rockband Elbow. 2003 beginnt die Zusammenarbeit mit Kayser, dem musikalischen Kopf der erfolgreichen Stuttgarter Hip-Hop-Band Freundeskreis, die sich im vorigen Jahr aufgelöst hat. 2005 zieht das Duo aus der gefühlten Enge des Stuttgarter Kessels dann nach Berlin: Hier gefällt den beiden die offene Atmosphäre, die Möglichkeit, preiswert zu leben und Castro nicht zuletzt der Umstand, dass sie überall auf Spanisch sprechende Menschen trifft. Oft finden ihre langen Proben in der Küche von Kaysers Altbauwohnung statt.

Die schwermütige Musik des Duos schwebt irgendwo zwischen Bossa Nova in Zeitlupe, leicht rauchigem Jazz und schmelzendem Fado mit einem Sommerabendhauch Trip Hop. Castros dunkle, wohlige Stimme lockt versteckte Schatten aus den Seelenecken, streichelt sie mit warmem Timbre und entlässt sie wieder hinaus in die geheimnisvolle südamerikanische Nacht. Die meisten der spanischen Texte auf dem aktuellen zweiten Album „Laura López Castro y Don Phillipe inventan el ser feliz“ („Sie erfinden das Glück“) erzählen vom Suchen („Búscame“ – „Suche mich“) und Verlieren der Liebe („Hasta que vuelvas“ – „Bis du zurückkehrst“) – und nur selten von der kurzen glücklichen Zeit dazwischen.

Bei aller Verliebtheit in die Traurigkeit lassen die aktuellen Lieder wie auch die vom 2006 erschienenen ersten Album „Mi libro abierto“ („Mein offenes Buch“) den Zuhörer nicht mutlos zurück. Zu stark schwingt der Glaube an die Magie des Augenblicks und die Schönheit des Lebens mit. Das Cover des brasilianischen Hippie-Lieds „Acabou Chorare“ von Os Novos Baianos klingt sogar richtig heiter und unbeschwert. Nicht von ungefähr hat Castro als Motive für ihre Tattoos Sterne, eine Elfe und Schwalben gewählt. „Ich bin eigentlich offen und fröhlich. Aber ich trage wie jeder mein Päckchen mit mir herum“, sagt die attraktive Sängerin. Die melancholische Musik sei das beste Ventil dafür.

Bei Konzerten steht Castros charismatische Stimme und Erscheinung im Zentrum, neben der Gitarre wird sie bei einigen Stücken auch von Kontrabass, Cello und Trompete begleitet. Mal Mädchen, mal Frau kokettiert sie mit dem Publikum und nimmt der Schwermut mit ihrem vagabundierenden Herz („Coraçao Vagabundo“) jede Schwere.

Zusammen mit Soha und Chambao am Dienstag um 20 Uhr in der Arena, Treptow, Eichenstraße 4. Eintrittskarten an der Abendkasse kosten 21 Euro.

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