Ausstellung : Fasziniert von Filmmotiven

Eine Berliner Szenenbildnerin zeigt ihre Fotosammlung verworfener Drehorte.

Eva Kalwa
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Einblicke. Naomi Schenck samt Foto im Foyer der Birthler-Behörde. Foto: Thilo Rückeis

Oft sieht Naomi Schenck einem Gebäude schon von außen an, ob es für ihre Zwecke geeignet ist. Über die Jahre hätte sie dafür ein gutes Gefühl entwickelt, sagt die 39-Jährige. Wenn ein Haus ihr zusagt, klingelt sie. Dann geht sie mit ihrer Kamera hinein und fotografiert: Schenck ist Szenenbildnerin beim Film, zahllose Innenräume, Außenansichten und Straßen hat sie dafür schon fotografiert, über die Jahre ist so ein Archiv von mehreren tausend Fotos entstanden. Für eine Ausstellung am früheren Standort der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen (BstU) in der Otto-Braun-Straße hat sie „Das Archiv verworfener Möglichkeiten“ aus rund 60 einzelnen Bildern zusammengestellt.

Denn für jeden der 30 Filme, an denen Schenck seit 1996 mitgearbeitet hat, darunter viele Krimis wie „Tatort“ und „Nachtschicht“, musste sie 20 bis 30 Motive suchen und pro Motiv dem Regisseur wieder bis zu 20 Foto-Vorschläge machen – von denen dann meist nur einer angenommen wurde. Auch das ehemalige Gebäude der BstU, ein weißer, altersschwacher Bürokratie-Koloss, der öffentlich nicht mehr zugänglich ist, hat Schenck während der Arbeit aufgespürt. Anfang 2009 wurde für die SAT1-Produktion „Im Schatten der Gerechtigkeit“ ganz in der Nähe auf einem Parkplatz gefilmt, und man brauchte noch einen Drehort für eine Liftszene. Schenck ging in die BstU und war beeindruckt von der Mixtur aus deutschem Bürokratie-Mief, lichter Sechziger-Jahre-Architektur und den Essigbäumen, die schon üppig Teile der Fensterfronten überwucherten. Das erinnerte sie an Kalifornien, wo sie geboren ist und, nachdem sie in Mülheim an der Ruhr aufwuchs und in Düsseldorf freie Kunst studierte, später noch mal ein Jahr gelebt hat. „Deshalb bin ich froh, dass ich hier meine Ausstellung machen darf – und weil auch dies ein verworfenes Motiv ist“, erzählt Schenck. Denn die Liftszene hat der Regisseur am Ende doch woanders gedreht – in einem Einkaufszentrum in Weißensee.

Innenräume interessieren Schenck, die vor drei Jahren nach Berlin kam und in Schöneberg lebt, besonders. Daher plant sie parallel zu ihrer Arbeit als Szenenbildnerin einen Film, in dem sie die Räume für sich sprechen lässt: „Das Leben aus Sicht der Häuser“ soll er heißen. In der Ausstellung sind auch ein paar Fotos für dieses Projekt zu sehen – kombiniert mit „verworfenen Möglichkeiten“ aus Berlin, Hamburg oder Neapel. Zu den Bildern für das Filmprojekt gehört ein Foto aus einer irischen Küche, in der neben einem alten Ofen ein schief gesessener Lehnstuhl und ein laufender Fernseher stehen, die Wand dahinter leuchtet in einem fast absurden Blau. Darunter das Foto von einem verfallenen Kellerraum, in dem ein altes ABBA-Poster gegen den bröckelnden Putz in verblichenem Grün anstrahlt. Es ist der Keller des 1991 geschlossenen Hubertusbads in Lichtenberg. „Dort haben wir dann zwar auch nicht gedreht, wohl aber ein Stockwerk höher, im Becken des Stadtbads“, sagt Schenck. Auf ihrer Motivsuche holt sie solche vergessenen Orte ans Licht und wünscht sich, dass sie, wenn auch einmal „verworfen“, andere Regisseure oder Autoren zu neuen Geschichten inspirieren. Eva Kalwa

Birthler-Behörde, Otto-Braun-Str. 70-72, noch bis Montag, 14.9., 11-16 Uhr, Eintritt frei, Fotos unter: www.naomischenck.de

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