Ausstellung : Präsident ohne Lederhosen

Der Fotoreporter Christian Irrgang hat Bundespräsident Horst Köhler ein Jahr lang mit der Leica begleitet. Die Fotos sind jetzt im Museum für Kommunikation zu sehen - die eindringlichsten Szenen hat Irrgang aber nicht fotografiert.

Gunda Bartels
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Ganz nah dran. Christian Irrgang hat sich mit Horst Köhler zusammen die Zähne geputzt. -Foto: Thilo Rückeis

Ausgerechnet jetzt, kurz bevor Bundespräsident Horst Köhler (CDU) sich im Mai zur Wiederwahl stellt, eröffnet eine Ausstellung mit dem klingenden Titel "Horst Köhler. Der Mensch, der Präsident". Ein gleichnamiges Buch gibt es auch.


Alles Reklame? "Um Gottes Willen, nein!", prustet der Fotograf Christian Irrgang los. Aber wann hätte er die Ausstellung denn sonst machen sollen? Falls Köhler die Wahl verlöre, könne er seine Bilder doch wegschmeißen. Er würde übrigens auch gerne Gesine Schwan fotografieren, falls sie gewinne. Von heute bis zum 24. Mai sind im Museum für Kommunikation in der Leipziger Straße aber erstmal 100 Fotos des jetzigen Amtsinhabers Köhler zu sehen. Die meisten aufgenommen im Jahr 2005, als sich Köhler nach einem halben Jahr Bedenkzeit im Januar entschied, bei dem Projekt des 1957 in Hamburg geborenen und im Berliner Lette-Verein ausgebildeten Fotoreporters Irrgang mitzumachen.

Christian Irrgang sieht sich in der Tradition der US-amerikanischen Präsidentenfotografie, arbeitet sonst für "Stern" oder "Focus", und hat schon Bundespräsident Johannes Rau mit seiner leisen Leica geknipst. "Fly on the wall" - unauffällig sein wie die Fliege an der Wand, nennt er sein fotografisches Arbeitsprinzip. Gestellte Fotos interessieren ihn nicht. Nur der bewegte Augenblick, der eine Geschichte erzählt. Der Bundespräsident sollte vergessen, dass ein Fotograf im Raum ist.

Horst Köhler - Porträts von Christian Irrgang
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1 von 8Foto: Thilo Rückeis
29.07.2009 08:29"Fly on the wall". Unauffällig sein wie die Fliege an der Wand - das ist Christian Irrgangs Arbeitsprinzip. Über ein Jahr lang hat...


Aber posiert hat er doch sicher trotzdem? "Nö", beteuert Irrgang augenzwinkernd und wenn doch, seien diese Fotos aussortiert worden. Dass Köhler möglichst gut darauf aussehen wolle, sei natürlich klar. "Präsidenten haben es in der Hand, ihr Image zu gestalten." Nicht von ungefähr hat das Bundespräsidialamt Fotos von Horst Köhler beim Friseur oder in Lederhosen verboten.
 
Johannes Rau, Horst Köhler - was ihn ausgerechnet an Bundespräsidenten fasziniert? "Nix", lacht der Sofort-Duzer Irrgang, "einer muss es ja machen". Aber dann wird er doch ernsthaft: "Ich bin neugierig, wie das höchste Staatsamt funktioniert und wie der jeweilige Inhaber es ausfüllt." Der Kontakt zu Johannes Rau habe sich privat ergeben und Köhler hat er offiziell angefragt - ganz ohne Auftrag oder Buchprojekt im Hintergrund. Warum dann die Anfrage? Irrgang erzählt die Story, wie Köhler vom Autotelefon aus beim damaligen Kanzler Schröder anrief, um ihn davon abzubringen, den Tag der deutschen Einheit als arbeitsfreien Feiertag abzuschaffen. Irrgang war zufällig als Fotoreporter dabei und dachte: "Hey, das ist ja mal ein erfrischend direktes Amtsverständnis."

Hofberichterstattung? Überraschendes zeigt der Fotograf jedenfalls nicht

Dieses Amt wird durch die Fotos, die vielfach in schwarz-weiß und fast immer in Bewegung, Köhler im Gedränge zeigen, in der Maske, lachend mit seiner Frau oder dem Papst oder als antipräsidial schnaufendes Staatsoberhaupt auf der Rudermaschine, schon etwas transparenter. Große Überraschungen über "den Menschen, den Präsidenten" offenbart es allerdings nicht. Die Kamera sei seine Chance, seine Neugier, wer der Mann im Schloss Bellevue ist, zu befriedigen, sagt Christian Irrgang. Seine Bilder seien ein Querschnitt durch das Leben des Amtsinhabers, keine Glorifizierung. Natürlich könne der Betrachter das auch als Hofberichterstattung auffassen. Ein Eindruck, den die im Museum dazu gehängten Bundespräsidentenzitate über Amt, Ehefrau und Afrika nicht gerade entschärfen.

Was ihn am Präsidenten überrascht hat? "Dass er so populär ist, obwohl er kein Mann für große Hallen ist, dazu ist er zu steif, sondern eher ein guter Zuhörer in kleinen Runden und im Zwiegespräch." Die haben sie beide allerdings nicht geführt, langes Reden gehörte nicht zum Fotoprojekt. Trotzdem fasste Horst Köhler ganz offensichtlich Vertrauen zu Fotograf Irrgang. Nach einem Jahr durfte er in der präsidialen Privatwohnung in Dahlem knipsen und wurde schließlich auch zur Hochzeit von Köhlers Sohn gebeten. Ob es kuriose Situationen im Präsidententross gab? "Seltsam war nur, als ich auf Bergwandertour mit Ehepaar Köhler beim Übernachten auf der Hütte plötzlich neben Köhler im Waschraum stand. Der Bundespräsident mit Kulturbeutel daneben, wenn man die Zähne putzt – das irritiert."

Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, Mitte, 24. April bis 24. Mai, Di-Fr 9-17 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr, 3 Euro, bis 15 Jahre frei   

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