Ausstellung : Suche nach einem Schattenmann

Die Berlinische Galerie ist auf Fotos aus der Nachkriegszeit gestoßen und fragt: Wer hat sie gemacht? Hinweise gibt es kaum.

Moritz Gathmann
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Der entrümmerte Pariser Platz 1951 -Foto: Unbekannter Fotograf

Vor den Augen des Betrachters breitet sich der Pariser Platz aus, links eine rußgeschwärzte Ruine, man liest: „Akademie der Künste“. In der Mitte das Brandenburger Tor, ein Gerüst darum, oben flattert eine Fahne. Von rechts hinten kommen zwei Männer gelaufen, einer bürgerlich gekleidet, der andere in Arbeiterkluft. Über was mögen sie diskutieren an diesem Tag im Jahr 1951?

Es ist ein Panoramabild des Pariser Platzes, vor dem man in der Berlinischen Galerie steht, fast 180 Grad, eineinhalb mal sechs Meter groß. Ein Kunstwerk, und ein historisches Dokument. Aber der Mann, der von 1948 bis 1953 Tausende solcher Aufnahmen in Ost-Berlin gemacht hat, ist verschwunden. Von ihm gibt es nur einen Schatten, den er auf die Holzbänke des Karl–Friedrich-Friesen- Schwimmstadions im Volkspark Friedrichshain geworfen hat, als er am 3. Oktober 1951 unter seinem Dunkeltuch auf den Auslöser drückte. Ein Schatten – verdammt wenig, um einen Mann zu finden, der mit seiner Großformatkamera einen Schatz geschaffen hat, den die Berlinische Galerie ab 1. November präsentieren wird: Rückblicke in eine Zeit nach dem völligen Zusammenbruch und mitten im Wiederaufbau.

Das 1500 Bilder umfassende Konvolut entdeckte der Berliner Fotograf Arwed Messmer letztes Jahr im Fotoarchiv des Museums, einer Fundgrube mit Tausenden dokumentarischen Stadtfotografien, die – aufgenommen im Auftrag der Ost-Berliner Stadtverwaltung – die Entwicklung der östlichen Bezirke von 1946 bis zur Wende zeigen. Messmer fügt die einzelnen Bilder nun digital zusammen, so entstehen die großformatigen Panoramen wie das vom Pariser Platz.

Seit 1953 ist der Fotograf spurlos verschwunden, die Galeristen haben sich auf die Suche nach ihm gemacht, um ihn – so er noch lebt – zu Beginn der Ausstellung entsprechend zu würdigen. Dabei haben sie außer dem Schatten fast nichts in der Hand: Es gibt keine Rechnungen, keine Korrespondenzen, keine Namensvermerke auf den archivierten Bildern. Die Ausstellungsmacher vermuten, dass der Mann als freier Fotograf für den Magistrat von Groß-Berlin arbeitete und die Bilder im eigenen Fotolabor entwickelte. Nur eine Erinnerung gibt es, von der Berlinerin Gisela Dutschmann, die als seine Nachfolgerin 37 Jahre lang die Erfassung des Bildarchivs weiter verantwortete. Sie, so erzählt Florian Ebner von der Berlinischen Galerie, meint sich zu erinnern, dass der Mann nach 1953 Richtung Westdeutschland verschwand. Der Grund: Der unbekannte Fotograf war in einem Ost-Berliner Gefängnis gelandet, weil er unerlaubt Kopien seiner Bilder auch nach West-Berlin geliefert hatte.

Ganz besonders interessant, sagt Ebner, seien die Aufnahmen, „weil sie kein Propagandabild von Ost-Berlin zeichnen.“ Anders als Fotos für Zeitungen oder Bücher über die Entwicklung der Stadt, die den Fortschritt in leuchtenden Farben demonstrieren sollten, war der Auftrag des Fotografen klar dokumentarisch. Seine Fotos sollten eine Bestandsaufnahme sein, den Stadtplanern dabei helfen, die enttrümmerte, entkernte Stadt neu zu bebauen. Dabei dokumentierte der Stadtfotograf freilich auch die ersten Fortschritte beim Wiederaufbau, deshalb die Fotos von neu errichteten Sportstätten oder Straßenbahnhaltestellen.

Arwed Messmer erkennt auch eine besondere kompositorische Qualität: Auf fast all seinen Bildern hat der Fotograf es zugelassen, dass Passanten „ins Bild laufen“, ja hat mit einer durchgängig kurzen Belichtungszeit dafür gesorgt, dass sie trotz ihrer Bewegung gestochen scharf sind – ein besonderer Reiz für den heutigen Betrachter.

Der unbekannte Fotograf zog damals mit seiner Kamera durch die Ost-Berliner Bezirke, in manchen Fällen bannte er Haus für Haus ganze Straßenzüge auf seine neun mal zwölf Zentimeter großen Glasplattennegative. Das große Format macht es Messmer überhaupt erst möglich, die Bilder auf eine Größe von mehreren Quadratmetern zu strecken. Ihre Präsentation in der Berlinischen Galerie wird beeindruckend sein: 12 Bilder werden auf eine Höhe von 1,25 Meter gezogen und bis zu acht Meter lang sein.

Das spektakulärste Dokument ist aber das Bilderkonvolut der Fruchtstraße, heute Straße der Pariser Kommune: 25 Meter Berlin im März 1952, ein gesamter Straßenzug. Der Besucher kann an der Häuserreihe entlanglaufen, dank der guten Fotoqualität kann man sogar die Plakate lesen, die über den Geschäften angebracht sind. „Das deutsche Volk will keinen Bruderkrieg“, steht auf einem Spruchband. Sogar in das Schaufenster eines Ladens kann man sehen, dort steht: „Fordert gesamtdeutsche Beratung!“ SED-Propaganda für eine Wiedervereinigung unter Umgehung der Siegermächte. Die Hoffnung auf eine schnelle Wiedervereinigung schwand in Berlin bald, und mit ihr verschwand auch der unbekannte Fotograf.

Wer erinnert sich heute an den unbekannten Fotografen? Hinweise erbeten, bitte an Herrn Rainer Apolinarski, Berlinische Galerie, Telefon: 78 902 823

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