Automann Walter Müller : Der gelbe Erzengel

Als neuer Chef des ADAC Berlin-Brandenburg setzt Walter Müller zunächst vor allem auf Kontinuität. Durchsetzungsfähigkeit hat er längst bewiesen – als Leiter der Mercedes-Niederlassung und zeitweise auch als Hertha-Präsident.

Bernd Matthies

Der lederne Chefsessel im Eckbüro über der Bundesallee passt dem Neuen schon. 30 Jahre lang hat Wolf Wegener drin gesessen, unumstrittener Macher des Berliner ADAC, nun ist Walter Müller an seine Stelle gerückt. Der frisch gewählte Vorsitzende sieht die Sache realistisch: So lange wie der Vorgänger wird er sich nicht hier oben halten können, „ich habe nicht die geringste Absicht, diesen Rekord zu brechen“. Er wurde von der Mitgliederversammlung für vorerst zwei Jahre gewählt, alles weitere soll sich zeigen.

Ein Macher ist Müller mindestens ebenso wie Wegener. Jene in Berlin, die ihn näher kennen, beschreiben ihn als durchsetzungsfähig, nicht ohne hinzuzufügen, dass das eher eine Untertreibung sei. Der 59-jährige Familienvater, der als langjähriger Leiter der Berliner MercedesBenz-Niederlassung wohl das Ende seiner Managerkarriere erreicht hat, war sich nie zu schade, auch anderswo anzupacken, am plakativsten wohl als Präsident von Hertha BSC. Der Club erreichte damals die Champions League, Müller aber ging nach zwei Jahren: Es sah sich vom Vorstand nicht hinreichend unterstützt.

Der ADAC wird ihn kaum so hängen lassen, denn die Tabellenführung ist ihm nicht streitig zu machen. Auch über die generellen Ziele besteht Einigkeit. Ein Kurswechsel ist nicht in Sicht; denkbar wäre allenfalls, dass der Neue nicht nur im Hintergrund Fäden zieht, sondern stärker öffentlich in Erscheinung tritt. Bisher ist nichts entschieden: Er betont, er wolle zunächst nichts ändern, sondern von den hochqualifizierten hauptamtlichen Fachleuten des Hauses lernen.

Müller, der sich bei Daimler-Benz vom Lkw-Verkäufer nach oben gearbeitet hat und auch zehn Jahre bei BMW leitend tätig war, ist ein Automann ohne Wenn und Aber, der individuelle Mobilität für ein wesentliches Grundrecht hält. Doch auf die S-Klassen-Perspektive will er sich nicht beschränken und nennt deshalb als erstes Ziel seiner Arbeit die Abschaffung der Berliner Feinstaubverordnung, die für ihn nicht nur ineffektiv, sondern in ihrer Wirkung auf die Besitzer alter Autos auch unsozial ist. „Hier muss der ADAC Anwalt des kleinen Mannes sein“, sagt er, „das sind vorgeschobene Argumente, die die individuelle Mobilität einschränken, und das Ergebnis steht in keinem Verhältnis zu dem, was dem einzelnen abverlangt wird.“ Als zweites Liebslingsthema nennt Müller, nicht unbedingt überraschend, den Einsatz für mehr Verkehrssicherheit vor allem, was Kinder betrifft. Und Parkraumbewirtschaftung sei im Prinzip nicht zu beanstanden, sagt er, „aber die Politik kann sich da nicht alles erlauben“.

Der gebürtige Weinheimer lebt mit seiner Frau in Kleinmachnow, hat zwei Söhne von 34 und 29 Jahren, seit 18 Monaten ist er Großvater. Dem ADAC gehört er seit 1974 an, „seit ich mir den Beitrag leisten konnte.“ Sein erstes Auto, ein Fiat Jagst 770, ruht längst in den ewigen Schrottgründen, einige andere tun es sicher auch: Er habe ein paar schwere Unfälle erlebt, berichtet er, „da haben mir nicht die Gelben Engel, sondern Schutzengel geholfen.“ Vom Motorradfahren hat er sich längst verabschiedet, beeindruckt von den Folgen tragischer Unfälle, die er in der BMW-Zeit gesehen hat.

Als er seiner Frau erzählte, er sei gefragt worden, ob er Lust auf den ehrenamtlichen ADAC-Vorsitz in Berlin-Brandenburg habe, war ihre Reaktion eindeutig: „Du bist verrückt.“ Der Daimler-Vorstand in Stuttgart nahm die Sache weniger emotionell: Man habe nichts dagegen, nur dürfe der Geschäftsgang in Berlin natürlich nicht leiden. „Das geht sicher nur mit sehr effektivem Zeitmanagement“ sagt Müller, macht aber nicht den Eindruck, als treibe ihn deshalb große Sorge um, „davon können Firma und Verein profitieren“. Auf dem Golfplatz wird man ihn vermutlich noch seltener sehen. Und die Vorbereitung auf die Rolle als Hauptfigur des nächsten ADAC-Balls stellt ebenfalls eine Herausforderung dar. Er freut sich drauf: „Dann wollen wir auch mal tanzen dürfen und nicht an die Arbeit denken“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben