BALL-BEGEISTERUNG Wie die Fans mit ihren Teams zittern : Hoffen verbindet

Gestern bangten die Italiener mit ihrem Team – und hatten ein wenig Mitleid mit den Deutschen

Matthias Jekosch

Die Versöhnung mit den eigenen Fans hat die italienische Mannschaft geschafft. „Jetzt fangen wir an“, war sich Monica Angilé, Schwester von „Osteria No. 1“-Inhaber Fabio Angilé, sicher. Im Zelt neben dem Restaurant am Viktoriapark sahen gestern mehr als hundert Fans das 1:1 der Italiener gegen Rumänien. Die meisten waren in den azurblauen Italientrikots gekleidet, aßen Baguette, Mortadella und Parmaschinken und atmeten auf: Der Weltmeister ist noch nicht aus dem Turnier ausgeschieden und kann im letzten Gruppenspiel am Dienstag die nächste Runde erreichen. Versöhnung auch auf anderer Ebene: In so manchem italienischen Trikot steckte gestern Abend ein Deutscher. „Die WM nehmen die uns wohl nicht mehr übel“, sagt Monica Angilé, damals kickten die Italiener das deutsche Team aus dem Turnier. Umgekehrt war gestern manchem italienischen Gast anzumerken, dass er Sympathien für Jogi Löw und die deutsche Mannschaft übrig hat – schließlich befinden sich beide Teams in der gleichen Situation: Erst nach dem letzten Gruppenspiel wissen sie, ob sie weiter im Turnier dabei sind.

Massimo Mannozzi, der Besitzer des Restaurants Bacco in der Marburger Straße, will einen klaren Kopf behalten: „Das ist ein Spiel mit einem Ball und 22 Leuten, die hinterher laufen. Da tut es mir nicht weh, wenn wir verlieren.“

So weit will Marco Marino noch nicht denken. „Am Anfang spielt die italienische Mannschaft meistens schlecht. Und dann wächst sie von Spiel zu Spiel.“ Marino arbeitet für Hertha BSC im Olympiastadion, der Ort ist seit zwei Jahren eine Pilgerstätte für italienische Fußballfans. Dort gewann Italien das WM-Finale gegen Frankreich. Die Besucherzahlen zu Führungen sind von 186 000 im Jahr 2005 sprunghaft auf 240 000 im Jahr 2006 gestiegen. Gerade für die in Berlin und im Rest von Deutschland lebenden Italiener sind Erfolge ihrer Mannschaft wichtig. „Hier wird das leidenschaftlicher erlebt, weil man so an seine eigenen Wurzeln erinnert wird“, sagt Laura Garavini, die in Berlin lebt und Abgeordnete im italienischen Parlament ist.

Die Italiener in Berlin hatten es nach dem WM-Sieg nicht leicht. „Für mich war es beim Finale 2006 schon unangenehm, durch Berlin zu laufen“, sagt Nathalie Bestazzoni. Die in Berlin geborene und mit sechs Jahren wieder nach Italien gezogene Studentin macht ein Praktikum am Italienischen Kulturinstitut Berlin. Es war dieses Gefühl, dass Italien plötzlich nicht mehr schön und die Italiener nicht mehr die lustigen Südländer sind. „Die Niederlage haben die Deutschen noch im Herzen“, glaubt sie.

So mancher konnte auch am Donnerstagabend nicht mit schlechten Ergebnissen seiner Mannschaft umgehen. In einem Biergarten in Mitte wurde ein Deutscher festgenommen, nachdem er und seine Freunde bei einer Rangelei drei Kellner leicht verletzt hatten. In der Zitadelle Spandau zerschlugen polnische Fans Holzbänke, dazu pöbelten sie Polizisten an. Aber auch die Siegerfraktion machte Ärger: Auf dem Kurfürstendamm kam es zu Festnahmen, weil kroatische Fans Feuerwerkskörper wiederholt abgeschossen hatten.Matthias Jekosch

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