Ballett : Kein hässliches Entlein auf dem Schwanensee

Seit zehn Jahren gibt es das Projekt „Kinder tanzen für Kinder“. Die Bühne der Deutschen Oper wird zu einem Märchen aus Tüll und Krönchen.

Elisabeth Binder

Die Bühne der Deutschen Oper sieht aus wie aus dem Traum eines kleinen Mädchens gesponnen. Über einem Teich mit Zauberschloss im Hintergrund breitet eine Sonne warmes, gelbes Licht aus. Davor schweben kleine Prinzessinnen mit Krönchen und Schwäne mit Tüllröckchen und glitzrigen Tops.

Zum zehnten Jubiläum des Projekts „Kinder tanzen für Kinder“ haben die Schüler des Ballett-Centrums im Kurfürstendamm-Karree und der Ballett-Schule Vladimir Gelvan eine Kinderversion von Tschaikowskys „Schwanensee“ einstudiert. Eineinviertel Stunden dauert sie nur, aber nicht weil die Ausdauer der jungen Tänzer begrenzt wäre. Es sind die Kinder im Publikum, die oft nicht länger still sitzen können.

Für die Mitwirkenden ist dieser „Schwanensee“ ein Wirklichkeit gewordener Traum. „Es macht irre viel Spaß“, sagt die 12-jährige Elena Feuß, die seit ihrem vierten Lebensjahr tanzt. „Diese wunderbaren Kostüme, das schöne Bühnenbild, es ist einfach toll.“ Tänzerin will sie allerdings nicht werden, lieber Choreografie studieren. Auch dem 14-jährigen Lorenz, der den Freund des Prinzen spielt, macht das Training richtig Spaß. Vor drei Jahren ist der Hauptschüler auf Anregung seiner Lehrerin dazugestoßen. Vor der Premiere gibt’s einen Entschuldigungszettel für die Schule. Da ist strenges Ausruhen angezeigt.

Die erwachsenen Mitarbeiter, wie Bühnenbildnerin Renate Geelen-Walter und Beleuchter Steffen Hoppe, sind von der Arbeit mit Kindern sehr angetan. „Sie begreifen so viel und so schnell.“ Die 17-jährige Nadine ist von Anfang an dabei. Auch sie will nicht Berufstänzerin werden, „weil ich noch andere Interessen habe“. Aber die Arbeit auf der Bühne hat ihr trotzdem viel gebracht, und „besonders in den letzten zwei Jahren sind wir stark zusammengewachsen“.

Zustande gekommen ist das Projekt, als 1996 Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen den damaligen Intendanten Götz Friedrich um Unterstützung für ein Unicef-Projekt bat. Etwas mit Kindern war gefragt. Er erinnerte sich, dass die langjährige Solotänzerin Felicitas Binder schon mal mit Kindern gearbeitet hatte.

Sie probierte es aus, stellte schnell fest, „dass ich auch choreografieren kann“ und war überrascht über die Erfolge. Alles begann auf einer vier mal acht Meter großen Bühne im Foyer. Inzwischen füllen die Kinder mühelos die Hauptbühne der Deutschen Oper, immerhin die zweitgrößte des Landes. Sie selbst ist in die Rolle des mächtigen Eulenzauberers Rotbart geschlüpft, um auf der Bühne die Kinder unauffällig zu dirigieren. Mit einer einzigen Kostümprobe mussten sie auskommen vor der ausverkauften Premiere. Trotzdem gibt es auch für die Folgevorstellungen nur noch wenige Karten. Frühere Inszenierungen wie „Dornröschen“ und „Der Nussknacker“ haben eine enthusiastische Fangemeinde geschaffen. Und auch sonst gibt es aktive Förderer, wie Kulturstaatssekretär André Schmitz, der zusammen mit Edzard Reuter als Schirmherr dafür sorgt, dass das Projekt nicht an überflüssigen Hürden scheitert.

Die Geburtstagsinszenierung ist gleichzeitig eine Hommage an Tatjana Gsovsky. Die 1901 in Moskau geborene und 1993 in Berlin gestorbene Tänzerin und Choreografin hat maßgeblich dazu beigetragen, nach dem Zweiten Weltkrieg das Ballett in Berlin wieder neu aufzubauen. Auch sie hat sich besonders auf die Nachwuchsförderung konzentriert.

Vor anderthalb Jahren haben die Kinder mit den Proben für den Schwanensee begonnen. Bei aller Disziplin merkt man ihnen den Spaß an den dramatischen Gesten deutlich an. Das bringt eine ungewohnte Natürlichkeit in den strengen Ballettablauf. Kein Wunder, dass es zum Publikumsrenner geworden ist.

Am 18. Dezember 2007 und 1./2. März 2008 in der Urania, am 21. Dezember 2007 und 20./24. Juni 2008 in der Deutschen Oper. Karten-Tel.: 0700 - 67 37 23 75 46. Eintritt: 6 bis 12 Euro.

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