Bar jeder Vernunft : Die Frau als Katze

Melissa Madden Gray, besser bekannt als Meow Meow ist in der Bar jeder Vernunft zu Gast.

Eva Kalwa

Sie ist die Meisterin der Mehrdeutigkeit: Erotik und Lächerlichkeit, Körper und Politik, Respekt und Zerstörung – all das gehört für Meow Meow untrennbar zusammen. Allein ihr Name: Miau Miau spricht man ihn aus. Katzen sind für die Australierin mit den dunklen Locken und den forschenden grünen Augen ebenfalls etwas Doppeldeutiges: „Neun Leben und dazu Wissen und Gefahr, das ist großartig“, schwärmt die Künstlerin, die zwar ihren Hauptwohnsitz in New York hat, aber fast unentwegt von einem Kontinent zum nächsten reist und seit gestern Station in Berlin, in der Bar jeder Vernunft, gemacht hat.

Eigentlich heißt sie Melissa Madden Gray, verfügt über einen Abschluss der Melbourne-Universität in Jura, Kunst und Deutsch, hat Schauspiel studiert und auch einmal bei der preisgekrönten australischen Comedy-Fernsehshow „Big Bite“ mitgewirkt. Aber fragt man sie nach dieser Frau, die sie früher doch war, schüttelt sie nur entrüstet den Kopf: „Also diese Melissa – schrecklich! Diese Stalkerin folgt mir wirklich überall hin. Neulich in Sydney hat sie sogar in meinem Namen einen Preis entgegengenommen!“

Auf eine fröhliche Ironie muss ihr Gegenüber immer gefasst sein. Zugleich aber auch auf jede Menge Wissen und Begeisterung über und für Ballett, Cabaret, Oper und Theater, vor allem für das deutschsprachige. Sie verehrt Kurt Weill – und Hanns Eisler („je älter ich werde, um so mehr“). Die Dramen von Bertolt Brecht standen bei den Großeltern im Bücherschrank. Ein Bild von Helene Weigel als Mutter Courage blieb dem jungen Mädchen, das von seiner Mutter in den späten Siebzigern zu zahlreichen radikalen Theateraufführungen mitgenommen wurde, noch lange in Erinnerung. Ebenso wie die französischen Pop-Songs, die der Großvater hörte.

Die kulturbegeisterte, weltoffene Atmosphäre, in der Meow Meow aufwuchs, erklären ihren im besten Sinne eklektizistischen Stil. Sie nimmt sich das für sie Wesentliche aus Weills politischen Songs, aus der körperbetonten chinesischen Oper, aus Jacques Brels ironischen Chansons und von Piazzollas Tango Nuevo. Nimmt es – und zerstört es. In einer glamourösen Geste, an deren Ende nur etwas berückend Neues und Eigenes stehen kann, weil sie dem Alten bei aller zugleich kindlichen wie intellektuellen Lust an der Zerstörung mit großem Respekt begegnet. „Das russische Ballett hat mich die Achtung vor der Tradition gelehrt“, sagt Meow Meow und strafft ihren schlanken Katzenkörper.

Den lässt sie bei ihren Auftritten schon mal leichtbekleidet durchs Publikum tragen, im heiteren feministischen Spiel mit der Erotik: „Es bleibt immer spannend, wer sie als Pornographie verstehen will.“ Die chinesische Polizei tat das, als Meow Meow vor zwei Jahren in Shanghai ein Video drehte, das ihre Füße und Unterschenkel beim Gehen zeigte. Mehrere Stunden musste sie auf der Polizeiwache verbringen, dabei hatte sie diesmal gar nicht provozieren wollen. „In jeder Kultur und zu jeder Zeit gibt es starke Frauen, die mit ihrem Körper, ihrer Stimme, ihren Worten Grenzen überschreiten“, sagt sie. Und als wolle sie dem Satz sofort wieder jede Schwere nehmen, ruft sie übermütig aus: „Skandal und Leidenschaft – ich liebe es!“

Meow Meow zeigt ihr Programm „Beyond Glamour“ bis zum 1. Juni in der Bar jeder Vernunft, Schaperstraße 24 in Wilmersdorf, Telefon 8831582. Dienstags bis donnerstags 20.30 Uhr, freitags bis sonntags 20 Uhr.

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