"Based in Berlin" : Ein Kurator kennt keine Feiertage

Es gibt keine Regeln dafür, was in der zeitgenössischen Kunst wichtig ist. Kuratoren entscheiden das. Der gefragteste weltweit ist Hans Ulrich Obrist. Er will alles wissen, und die Kunst soll ihm helfen.

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Stippvisite. In Berlin hat Hans Ulrich Obrist eine kleine Wohnung, zu klein für die vielen Ideen, die er hat. Foto: Norman Konrad
Stippvisite. In Berlin hat Hans Ulrich Obrist eine kleine Wohnung, zu klein für die vielen Ideen, die er hat. Foto: Norman Konrad

Ins Büro läuft Hans Ulrich Obrist durch Kensington Gardens. Eine Hand steckt in der Hosentasche. Über seiner Schulter hängt eine billige Plastiktasche. Ein schneidender Wind treibt Wolkenfetzen über den Londoner Himmel. Auf den Wiesen spielen die Menschen Fußball. In England ist Feiertag: Frühlingsfeiertag.

Von Sonntagen und Feiertagen, sagt Obrist, lasse er sich nicht von der Arbeit abhalten. Er fahre auch nicht in Ferien. „Nä.“ Er habe, wie er es ausdrückt, die „Obsession“, alles wissen zu wollen. Die treibe ihn an. Jetzt lacht er. Seine Stimme ist hell. Seine Lache kippt ins Kichern. Obrist spricht mit Schweizer Akzent und in rasendem Tempo. Dazu boxt er mit den Händen in die Luft, als er erklärt, dass er Ideen im Minutentakt habe. Er beschäftigt eigens drei Praktikanten, die seine Ideen ausrecherchieren.

Ein bisschen wirkt Obrist wie ein Angestellter. Sein Äußeres ist unscheinbar. Das Haar schütter, der Anzug grau, die Brille aus durchsichtigem Plastik. Nur gestikuliert er zu wild. Es dauert nicht lange, da bemerkt man, dass er diese Irrsinnshektik absichtlich verbreitet. Dass er sich stilisiert, als rastloser Sammler von Originellem und Originärem, um es in Ausstellungen zu zeigen. Er ist Kurator, der zurzeit wohl gefragteste der Welt.

Was braucht Berlin? Kunst, die unter den Schuhsolen knirscht

In diesen Wochen arbeitet er gleich an drei Ausstellungen. Eine stellt er für die Serpentine Gallery zusammen, bei der er angestellt ist. Freiberuflich arbeitet er außerdem für eine Schau in Manchester, und hinter „Based in Berlin“, dem vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit initiierten 1,7 Millionen Euro teuren Großprojekt, steht er auch. Zu Hans Ulrich Obrists täglichem Pensum zählt außerdem die Lektüre seines Lieblingsdichters Glissant, schon seit Jahren zur morgendlichen Erbauung früh um fünf. Anschließend arbeitet er sich drei Stunden durch Zeitungen und Bücher, die ihn mit den philosophischen, literarischen und wissenschaftlichen Bezügen versorgen, von denen Gespräche mit ihm nur so wimmeln. Er ist unermüdlich. Früher, erzählt er, habe er alle drei Stunden für 15 Minuten geschlafen. Er nennt es „meinen da-Vinci-Rhythmus“. Offenbar hielt es der italienische Maler genauso. Der Wecker, den Obrist immer bei sich trug, war so wichtig wie heute sein Blackberry.

Doch der so offenkundig eigensinnige junge Mann, der sich überall, wo er hinkam, erstmal nach einem geeigneten Schlafplatz umsehen musste, hatte das Talent, spektakuläre Ausstellungen zu inszenieren. Den sonst oft so abweisenden Maler Gerhard Richter gewann er beispielsweise dafür, von ihm übermalte Fotos von Berggipfeln in einem Haus im Schweizer Bergdorf Sils Maria auszustellen, in dem Nietzsche „Also sprach Zarathustra“ geschrieben hatte. Der Coup gelang Hans Ulrich Obrist mit gerade mal 24 Jahren, Student der Wirtschaft in St. Gallen war er damals.

Heute steht Gerhard Richter als teuerster deutscher Maler auf Platz 55 der viel zitierten Rangliste der hundert einflussreichsten Sammler, Galeristen, Museumsdirektoren und Künstler des britischen Kunstmagazins „Art Review“. Hans Ulrich Obrist liegt auf Rang zwei. Vergangenes Jahr führte er die Liste sogar an. Die Kräfteverhältnisse in der Kunst müssen sich verschoben haben.

Based in Berlin
Wer spricht hier von Leistungsschau? Das Atelierhaus im Monbijoupark ist einer der fünf Orte, den "Based in Berlin" bespielt. Bei der großen Ausstellung zur Gegenwartskunst stellen rund 80 Künstler aus aller Welt, die in der Hauptstadt leben, bis zum 24. Juli ihre Arbeiten vor.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Doris Spiekermann-Klaas
01.06.2011 16:10Wer spricht hier von Leistungsschau? Das Atelierhaus im Monbijoupark ist einer der fünf Orte, den "Based in Berlin" bespielt. Bei...

Kuratoren wie Obrist wählen aus, was in die Museen kommt und was nicht. Sie bestimmen, wer mitspielen darf. Diese Auswahl zu treffen ist in der Kunst, in der es keine Regeln dafür gibt, zwangsläufig eine Anmaßung. Zu rechtfertigen höchstens durch größtmöglichen Einsatz und umfangreiches Wissen, was auch Hans Ulrich Obrists Selbstinszenierung des Besessenen erklärt.

„Kunst muss unerwartet sein. Sie kann den Anstoß geben, dass wir die Art und Weise, die Welt zu sehen, verändern“, so erklärt er, was für ihn ein gutes Kunstwerk ausmacht. Kunst als Erkenntnisinstrument. Auch bei seinen Ausstellungen wolle er keinesfalls den eigenen Geschmack protegieren. Ihn treibe vielmehr um, was „dringend“ sei, dass die Welt es sehe. „Was braucht London? Was braucht Berlin?“ Große Fragen.

Der Kurator als Genie, das die Themen der Zeit auf den Punkt bringt, sie erfahrbar macht in einer Ausstellung, niemand verkörpert diesen Typus des Weltendeuters zurzeit so überzeugend wie Obrist.

Was braucht Berlin? Er sagt: in diesem Jahr eine Übersicht darüber, woran die Künstler, die Ateliers in der Stadt bezogen haben, arbeiten.

Zusammen mit Klaus Biesenbach, der im Museum of Modern Art in New York Chefkurator der Medienabteilung ist, und Christine Macel vom Centre Pompidou hat er das so entschieden. Obrist und Biesenbach kennen sich seit Anfang der 90er Jahre. Im Nachtzug nach Venedig hatten sie zufällig Betten im selben Abteil gebucht. „Daraus ist ein sehr, sehr langer Dialog entstanden, der niemals abgerissen ist“, sagt Obrist, und man fragt sich, ob die beiden bildungsbeflissenen Männer tatsächlich auch miteinander in diesen sperrigen Worten reden, die normalerweise in Kunstkatalogen stehen.

Auf der nächsten Seite erfahren Sie, wie Hans Ulrich Obrist schon als Schüler anfing selbst zu den Künstlern zu reisen.

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