Berlin-Besucher : Auf die smarte Tour

Mit Oma an den Müggelsee, mit dem Kumpel ins Szenelokal: Wie man Berlin-Besucher an einem einzigen Tag schwer beeindruckt.

Ariane Bemmer
Solar
Viel zu sehen. Das Kreuzberger "Solar" liegt im 17. Stock. -Foto: Promo

Wer in Berlin lebt, hat eines ziemlich sicher: viele Freunde und Verwandte, die zu Besuch kommen wollen. Gerade jetzt in den Sommerferien. Aber was ist, wenn der Gast Reichstagskuppel und Brandenburger Tor schon kennt? Vier Vorschläge für maßgeschneiderte Touren durch die Stadt.


FÜR BESUCH MIT KINDERN

Kindlicher Bewegungsdrang, sagen Fachmediziner, diene unter anderem der Ausbildung von Selbstbewusstsein und sei keinesfalls zu unterbinden. Wer sich auf Kinderbesuch einlässt, riskiert also eine Hetzerei, an deren Ende er kraftlos zusammensackt. Das muss nicht sein. Wer geschickt plant, hat, wenn die Kleinen schlafen, noch Muße für ein Feierabendbier – oder zum Aufräumen.

Ein guter Ort, um die Basis für frühabendliche Erschöpfungssymptome zu legen, ist die Kletterhalle „T-Hall“ in Neukölln. Eine riesige Halle, in der man Kunststoffwände hochkraxelt. Man leiht für die Kinder unbequeme Schuhe, dann werden sie in Sicherheitsgurte geschnallt. Ein Lehrer hält sie an einem Seil, während sie die senkrechten Wände bezwingen. Die einen kämpfen dabei um ihr Renommee, die anderen gegen Schwerkraft, aber kämpfen müssen sie alle. Den dabei aufkommenden Hunger bezwingt man danach beim „Kreuzburger“ in Kreuzberg, wo es alles gibt, was Kinder mögen (Burger und Pommes), aber in Neuland-Qualität, was dem Gastgeber ein gutes Gefühl gibt.

Von der Theke weg geht es ins Prinzenbad. Schnell noch einen Ball gekauft und losgeplanscht, bis die Lippen blau anlaufen. Dann raus aus dem Becken, rauf aufs Blech: 21 Meter lang sind die Wippen am Potsdamer Platz – sie sind das erste und letzte an diesem Tag, was kein Geld kostet – und für mindestens eine halbe Stunde Spaß gut. Dann Durst löschen, Eis essen und ab ins Kino: entweder einen Naturfilm in 3-D-Animation im „Imax“ oder die 18-Uhr-Vorstellung von einem Blockbuster. Wird danach der Ruf nach „mehr“ laut – schnell zur nächsten Videothek laufen und was leihen. Zum Film gibt es dann Nudeln mit Tomatensoße – danach geht es ratzfatz ins Bett. Hat bisher immer geklappt. Ariane Bemmer

T-Hall Kletteranlagen: Thiemannstraße 1 in Neukölln, Telefon 68 08 98 64, www.t-hallberlin.de; Sommerbad Kreuzberg: Prinzenstraße 113, Telefon 61 6 10 80; Kreuzburger: Oranienstraße 190, Telefon 80 57 53 98; Wippen: Tilla-Durieux-Platz; Imax: Potsdamer Straße 4, Telefon 26 06 64 00, www.cinestar-imax.de.


FÜR DIE GROSSELTERN

Wie gut für Oma und Opa, dass Berlins Straßen in den großen Ferien so leer sind und alle Ziele relativ entspannt mit dem Auto angefahren werden können. Wir starten unseren Tag im Centro Italia. Einem italienischen Supermarkt im Industriegebiet von Marienfelde. Für den Ausflug decken wir uns mit San-Daniele- Schinken, riesigen Mortadellascheiben, Ciabatta-Brot, Oliven und Aranciata ein. Dann geht die große Fahrt – gut 25 Kilometer – durch die Stadt los. Unser erstes Ziel ist der Erholungspark Marzahn. Er bietet auf seinen 21 Hektar Abstecher in die Gärten der Welt. Wir bewundern balinesische, koreanische, chinesische, japanische und orientalische Gartenbaukunst. Auf einer gewöhnlichen Berliner Wiese verzehren wir dort unser italienisches Picknick; im „Berghaus zum Osmanthussaft“ gibt’s anschließend chinesischen Tee. Dann geht’s weiter. Zum Treptower Hafen, wo der Ausflugsdampfer wartet. Aber nicht für die übliche City-Brücken-Tour, die haben wir schon längst hinter uns gebracht. Wir wollen eher raus ins Grüne. Richtung Großer Müggelsee. Vorbei an Köpenicker Altstadt mit Schloss und Rathaus zur Anlegestelle Rübezahl und wieder retour. Schiffchen-Fahren ist immer angenehm; man sitzt einfach da und lässt die Landschaft an sich vorbeiziehen. Drei Stunden dauert die Tour.

Anschließend ist es Zeit, in die Stadt zurückzukehren. Zum Abendessen. Wir steuern die „Kleine Markthalle“ in Kreuzberg an. Die ist bekannt für knusprige Brathähnchen. Dazu schmeckt ein Kulmbacher Klosterschwarzbier, im Vorgarten sitzt es sich lauschig unter Bäumen. Wer sich traut, beendet den Abend mit einem Gläschen Danziger Goldwasser. Goldfädchen inklusive. Sigrid Kneist

Centro Italia: Großbeerenstraße 169 in Marienfelde, Telefon 741 10 18; Erholungspark Marzahn: Eisenacher Straße 99, Telefon 700 90 66 99; Stern und Kreisschiffahrt: Tour zum Großen Müggelsee, Hafen Treptow, Abfahrt 10, 11, 13.30, 15 Uhr, Buchung unter Telefon 536 36 00; Zur Kleinen Markthalle: Legiendamm 32 in Kreuzberg, Telefon 614 23 56.


FÜR DIE BESTE FREUNDIN

Sie würde sich wahrscheinlich beschweren, weil sie lieber im „103“ an der Kastanienallee ein italienisches Frühstück essen und Maxim Biller anglotzen würde. Stattdessen muss sie in der Bäckerei „Bisquitte“ in der Schönhauser Allee sitzen und sich ein Mettbrötchen vom Tresen abholen – so wie alle anderen hier auch. Anschließend laufen wir nach Pankow. Zur „Kleingartenanlage Bornholm“. Dort gehen wir unter lila blühenden Bäumen spazieren und gucken uns die Reaktionen Pankower Kleingartenbesitzer an, wenn man zu lange vor ihrem Grundstück rumlungert. Den Nachmittag über muss die Freundin noch einen Keks im „Barcomi’s“ in der Bergmannstraße essen, sie muss im Bötchen über den guten alten Schlachtensee fahren und sich den Funkturm statt des Fernsehturms ansehen. Die Freundin meckert. Sie will jetzt auch mal irgendwo hin, wo es cool ist. Also darf sie sich vor die „Bar Centrale“ in einen der aufgereihten Schalenstühle setzen und Leute angucken, die vorbei gehen. Wenn das noch nicht reicht, gehen wir zur „Kohlenquelle“. Das ist eine von den Bars, die gewollt so aussieht, als wäre das Interieur den Restbeständen des Flohmarkts am Mauerpark entnommen. Wenn es bei mir zu Hause so aussehen würde, würde sich keiner dieser Menschen mit seinem Tannenzäpfle-Bier dort hinsetzen wollen. Trotzdem ist es hier schön, denn man kann sich einfach auch eine sehr große Sonnenbrille aufsetzen, auf Klappstühlen sitzen oder auch auf der Brücke und runter gucken auf den S-Bahnring. Wow! Die Freundin ist begeistert. Elena Senft

Café 103: Kastanienallee 49 in Mitte, Tel.: 48 49 26 51; Bisquitte: Schönhauser Allee 115 in Prenzlauer Berg, Tel.: 41 19 86 88; Barcomi’s: Bergmannstr. 21 in Kreuzberg, Tel.: 694 81 38, www.barcomis.de; Bar Centrale: Kopenhagener Str. 6 in Prenzlauer Berg, Tel.: 44 31 06 93; Kohlenquelle: Kopenhagener Str. 16 in Prenzlauer Berg.


FÜR DEN KUMPEL AUS DER KLEINSTADT

Das Ziel ist klar: Der Gast soll sich wohl fühlen, aber bitte am Ende des Tages extrem neidisch sein, dass sein Gastgeber in dieser umwerfenden Stadt wohnt und er selbst bloß in Gummersbach oder Lingen oder Meckenheim. Wir starten nachmittags mit einem Spaziergang vom Alexanderplatz in die Münzstraße – zu „American Apparel“, dem angesagten Modelabel mit den knalligen Farben. Sollte der Kumpel bisher noch nichts von „AA“ – so die Kurzform“ – gehört haben, macht man ihm den Laden schmackhaft: „Ich bin sicher, in zwei Jahren kommt der Trend auch bei Euch an.“ Danach stöbert man durch die benachbarten Boutiquen, hält seinen Besuch davon ab, eine Winkekatze zu kaufen, und macht einen Abstecher zu „Herr von Eden“, dem schicken Retro-Anzugsdesigner. Zwischendurch lässt man beiläufig fallen, dass sich Brad Pitt und Angelina Jolie hier fast mal eine Wohnung gekauft hätten. Der Spaziergang endet an den Hackeschen Höfen, in der Hinterhofkneipe „Eschloraque“. Gäste müssen hier gegen eine Eisentür klopfen, um reingelassen zu werden. Und innen ist es düster. Sehr aufregend! Später am Abend geht es zum Anhalter Bahnhof, mit dem Aufzug hoch in den Solar Club im 17. Stock. Da hat man einen spektakulären Ausblick auf die leuchtende Stadt – das perfekte Ambiente, um als Gastgeber ein bisschen zu kokettieren: „Berlin hat natürlich auch Nachteile. Die vielen Kinos und Theater und Konzerte zum Beispiel... Wie soll man sich da entscheiden?“ Zur Krönung setzt man sich um 3 Uhr nachts ins Taxi und fährt rüber ins „Berghain“. Den mit Abstand hippsten Technoclub Deutschlands, mit schrägen Typen und so szenig, dass Fotografieren im Gebäude strengstens verboten ist. Das einzige Problem ist der tätowierte Türsteher: Der lässt einen oft nicht rein. Falls das passiert, lässt sich die Niederlage leicht in einen Sieg wandeln: Man gibt seinem Gast zu verstehen, dass es an ihm liegt. Sebastian Leber

American Apparel: Münzstraße 19 in Mitte, Tel. 28 09 63 18. Herr von Eden: Alte Schönhauser Str. 14, Tel. 24 04 86 80; Eschloraque: Rosenthaler Straße 39, www.eschschloraque.de; Solar: Stresemannstr. 76 in Kreuzberg, Tel. 0163- 765 27 00; Berghain: Am Wriezener Bahnhof in Friedrichshain, www.berghain.de.

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