Berlin-Bücher : Vergessenes West-Berlin

"Insel der Merkwürdigkeiten": Der frühere SFB-Moderator Wilfried Rott erzählt die Geschichte West-Berlins und bietet dabei wenig Überraschendes.

Stefan Berkholz

„Im neuen vereinigten Berlin ist kein Platz für die Erinnerung an West-Berlin“, behauptet Wilfried Rott, und so wollte er der vergessenen Stadthälfte so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren lassen. Auch der West-Berliner habe Verluste zu beklagen, sagt Rott, der frühere SFB-Moderator. Die Berlin-Zulage von acht Prozent auf den Bruttoverdienst ist weggefallen, die Staatlichen Schauspielbühnen wurden geschlossen, und das Biotop ist nun von Schwaben, Bauherren und anderen Aufsteigern bedroht.

Wilfried Rott spricht im Vorwort seines Buches über West-Berlin von „einer Insel der Merkwürdigkeiten“, „einem dritten Deutschland“, ja sogar „einem bizarren Gebilde“. West-Berlin war für viele ein Areal hinter dem Mond, entlegen, unbekanntes Terrain. Rotts Gesamtschau füllt dieses weiße Feld, das es auf DDR-Landkarten tatsächlich war. Der Autor bringt die Chronologie der Ereignisse wieder ins Gedächtnis zurück, er hat die politische Geschichte wie auch wirtschaftliche Aspekte und natürlich kulturelle Ereignisse in den Blick genommen. Der Überblick kreist um die Jahre 1948 (Blockade), 1961 (Mauerbau) und 1989 (Fall der Mauer). Der Verfasser erinnert an Frontstadtgeist und Korruptionsaffären, er zählt die Bauskandale auf und betrachtet den Mehltau über der Stadt durch den aufgeblähten öffentlichen Dienst. Rott streift den Anarchismus und die Hausbesetzungen, spricht von der „Hauptstadt der Revolte“ und vom „Mekka jugendlicher Zuwanderer aus Westdeutschland“, beschreibt die Grenz-, Transit-, Umtauscherfahrungen.

Für den Kenner findet sich wenig Überraschendes. Und zu kurz kommen die Menschen, die Alltagsgeschichten. Der gebürtige Österreicher Rott, seit 1977 in Berlin, hat so etwas wie einen Blick von oben eingenommen, betont kühl, beobachtend. Der historische Gehalt erscheint stimmig, aber die Gesamtschau fällt zu trocken aus, zu wenig anschaulich. Im Epilog zeigt Rott dann, wie sich im November 1989 ein Kreis schloss. West-Berlin wurde tatsächlich, wie es propagiert worden war, zum Tor in die westliche Freiheit. Stefan Berkholz

Wilfried Rott: Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948 – 1990. Verlag C.H. Beck, München. 478 Seiten, 24,90 Euro

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