Berlin-Literatur : Heimatgefühle in Beton

Moritz Holfelders "Der Palast der Republik - Aufstieg und Fall eines symbolischen Gebäudes" ist ein Nachruf auf den Vorzeigebau der DDR. In 27 Porträts erzählen zum Teil erzählen teils Prominente Menschen ihre Palast-Begegnungen.

Lothar Heinke
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Der ausgeweidete Palast der Republik mit dem Berliner Dom im Hintergrund. -Foto: Holfelder

BerlinJetzt ist er bald ganz verschwunden, nur noch ein Stück Erinnerung. Einst war er am Tage wie ein träges Schiff am Ufer der Spree vertäut und nachts von tausend Kugellampen fröhlich erleuchtet, das Traumschiff der DDR. Doch der Palast der Republik wird nicht als ausgeweidetes kulturelles Mammut im Gedächtnis bleiben, sondern als monumentales, vielseitig nutzbares gastronomisches Kulturhaus mit etwas Politik als Beilage. Wer wirklich die Vergangenheit des Hauses am Marx-Engels-Platz erfahren möchte, samt der Haltungen und Handlungen der Macher und Malocher, der erhält jetzt ein spannendes Brevier zum "Aufstieg und Fall eines symbolischen Gebäudes", wie es im Untertitel zum Bild-Text-Buch "Palast der Republik" heißt.

Der Münchner Journalist Moritz Holfelder hat drei Jahre an diesem Projekt gearbeitet – der Palast, sein Standort mitten auf dem Schloßplatz, seine Baugeschichte und die Erzählungen von Leuten, die mit dem Haus zu tun hatten, waren ihm das wert. Es beginnt ganz harmlos gewissermaßen beim Urschleim, als das Berliner Urstromtal entstand. Dort wurde im 15. Jahrhundert die wehrhafte Anlage einer Zwingburg in Betrieb genommen, aus der das spätere Schloss hervorging, im Februar 1945 bei zwei Luftangriffen schwer beschädigt und Ende 1950 gesprengt – um einen Aufmarschplatz zu schaffen und später ein 30-stöckiges "Gebäude der Volksvertretung für ganz Deutschland" zu errichten. Der Palast, dessen Bau stattdessen 1973 begann, war die modernere Variante, sollte "das strahlende architektonische Symbol jener erhofften DDR werden, ein Haus fürs Heimatgefühl und für die Identifikation mit dem eigenen Staat, der vielleicht doch besser war, als manche glauben wollten", so sieht es zumindest der Autor. Er stellt jene Leute vom Bau vor, die das Gebäude in drei Jahren fertig stellten, allen voran den Ost-Berliner Baumeister und Manager Ehrhardt Gißke, Chefarchitekt Heinz Graffunder und Manfred Prasser, der den Großen Saal erfand. Einmal besuchte der sowjetische Botschafter Pjotr Abrassimow die Baustelle und fragte Gißke, nach welcher Methode er denn arbeite, worauf dieser geantwortet haben soll: "Eigentlich nach gar keiner." Solche Geschichten hinter der jetzt verschwundenen Fassade wie auch die Vorgeschichte der Asbest-Entsorgung machen das Buch spannend, einst streng unter Verschluss Gehaltenes wird hier ausgebreitet. So etwa, dass schon beim dröhnenden Konzert von Santana 1987 mehr Asbestpartikelchen aus dem Schnürboden rieselten als gewöhnlich und dass das teure Haus ein Verlustgeschäft war – der jährliche Haushalt betrug 120 Millionen Mark, nur 30 Millionen wurden eingenommen.

In 27 Porträts erzählen zum Teil prominente Leute von Willi Sitte bis Wolf Biermann ihre Palast-Begegnungen. Architekt Graffunder sagte kurz vor seinem Tode 1994, das Problem sei nicht der Asbest, sondern die mangelnde Zivilcourage der Politiker gewesen: "Ein kranker Mensch wird auch nicht erschlagen, sondern behandelt." Und Wolf Biermann "hätte eher darauf hingewirkt, ihn nicht abzureißen, weil er ein Stahl und Stein gewordenes Dokument einer totalitären Diktatur war, die sich hier adäquat abgebildet hat". Zu spät!

— Moritz Holfelder: Palast der Republik. Aufstieg und Fall eines symbolischen Gebäudes. Ch. Links Verlag, Berlin. 208 Seiten, 189 Abbildungen, 29,90 Euro.

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