Berlin nach der Europawahl : Grüner wird’s doch

Wo die Öko-Partei in Berlin besonders stark ist: Ein Besuch in zwei sehr verschiedenen Hochburgen der Grünen.

Stefan Jacobs
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Im Zeichen der Sonnenblume. In einigen ihrer traditionell starken Kieze, etwa in Friedrichshain-Kreuzberg und in Prenzlauer Berg,...

BerlinAm nördlichen Ende der Schönhauser Allee ist Prenzlauer Berg noch nicht komplett aufgebrezelt. Stattdessen gibt’s normale Läden mit normalen Namen und hin und wieder ein unsaniertes Haus. Nicht nur hier, aber hier ganz besonders sind die Grünen offenbar die große Volkspartei: Mehr als 45 Prozent haben sie am Sonntag geholt. SPD und Linke folgen mit je 30 Prozentpunkten Abstand.

Die gar nicht omahafte Oma, die mit ihrem Enkel die Kuglerstraße quert, wundert sich nicht: „Das mit den Grünen waren die jungen Eltern. Die denken an die Zukunft ihrer Kinder.“ Eine junge Mutter bestätigt gern, dass nur die Grünen wählbar seien, weil irgendwie authentisch. Die Oma von der Kuglerstraße sieht das als Generationenfrage: Ab einem gewissen Alter wähle man eher die Linken. „Die können zwar nichts verändern, aber sticheln können sie.“ Selbst die DDR-Kritiker von einst würden angesichts der Sorgen um ihre Rente öfter links wählen, sagt die Frau und fügt hinzu: „Ich bin Friseurin. Da wird viel über Politik geredet.“

Über EU-Politik zu reden ist aber nicht ganz einfach. Die Nichtwähler sind auch beim zufälligen Herumfragen auf der Straße in der Überzahl. Und die wählen waren, haben am Sonntag gemäß ihrer ohnehin vorhandenen Präferenz abgestimmt. Konkrete Inhalte oder gar Personen kann kaum jemand benennen. Auch manche Grünen-Fans sind von dem eher vagen Gefühl geleitet, dass ihre Belange dort in den richtigen Händen sind.

Genauer kann es Aziz Yener erklären. Ihn trifft man allerdings in einem Kiez, in dem manche baff sind, wenn sie erfahren, wie ihre Nachbarn gewählt haben: Gut 36 Prozent haben die Grünen in diesem Teil von Steglitz geholt; fast doppelt so viel wie die CDU. Sogar hier am nördlichen Ende der Lepsiusstraße, wo die Vögel von den Ahornbäumen trällern und die Häuser sich Vorgärten und manchmal großbürgerliche Jugendstilfassaden leisten.

Hier parkt Yener, 32 und Werbefachmann, seinen BMW und sagt: „Das mit den Grünen ist super. Ich finde die menschlicher als die anderen. Ehrlicher.“ Dass eine Partei sich zu Multikulti bekenne, sei ihm als Sohn türkischer Eltern wichtig. „Integration ja, Assimilation nein – das funktioniert in Istanbul seit Jahrhunderten.“ Yener („Ich bin Ur- Steglitzer“) mutmaßt, dass die Grünen ihren Erfolg den vielen 68ern im Kiez, insbesondere den Lehrern, zu verdanken haben.

Andere Ur-Steglitzer, die nicht grün gewählt haben, sagen wenig Nettes über sie. Fürs Foto radeln, aber sich mit dem Dienstwagen durch die Welt kutschieren lassen, so in der Art. Und eine Rentnerin bringt auf den Punkt, was andere angedeutet haben: „Ich gehe nicht wählen. Die sitzen alle im selben Topf, und nach der Wahl ist immer alles anders als zuvor.“ Die Stärke der Grünen ist eben auch die Schwäche der anderen.

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