Berlinale : Die Kinofans in der Schlange

Zielstrebig, routiniert und auf der Suche nach dem außergewöhnlichen Film: Was Kinofans zur Berlinale treibt.

Der Musiker: I don’t like Popcorn!



Am liebsten möchte Guiseppe Iacono am Dienstag gleich 20 Kinotickets auf einmal kaufen. Etwa 140 Euro müsste der Italiener dafür berappen - er zuckt mit den Schultern. Was soll’s! Berlinale ist eben nur einmal im Jahr. Der 33-jährige Komponist wohnt nur für wenige Monate in Berlin und möchte sich vor allem experimentelle und außergewöhnliche Filme im Forum der Berlinale ansehen. Er hoffe, einige der etwas jüngeren und neuen Regisseure zu treffen, denn, so sagt er, „die Berlinale ist auch eine Chance, für meine elektro-akustische Musik zu werben“. Demo-CDs hat er schon lange vorbereitet. Besondere Lieblingsfilme hat Guiseppe Iacono eigentlich nicht. „Aber ich habe ein paar Lieblingsregisseure“, sagt er und zählt auf: David Lynch, Pedro Almodóvar und – „geben Sie den Block her, ich schreibe das lieber selber auf“ – Paradzanov. Aha. Was Guiseppe im Kino überhaupt nicht mag: „I simply don’t like Popcorn!“ tja

Die Routinierte: Bitte keine Riesen vor mir

„Möchten Sie meinen Stundenplan sehen?“ Annette von Schönfeld zeigt lachend auf ihr selbst zusammengestelltes Berlinale-Programm. Ganz klar: Hier steht ein Profi für Kinokarten an. Mehr als zwanzig Mal sei sie bereits bei der Berlinale gewesen, sagt die 50-Jährige. 18 Filme möchte die Berlinerin zwischen dem 7. und dem 17. Februar gerne sehen, fünf Tickets kauft sie schon am Dienstag. „Mein spezielles Interesse gilt dabei den Filmen aus Spanien und Lateinamerika“, sagt sie. Besonders begeistert ist Annette von Schönfeld vom brasilianischen Kino: „Der brasilianische Film hat so viel Fantasie und ist gleichzeitig realitätsnah.“ Sehr neugierig sei sie auch auf den mexikanischen Wettbewerbsfilm „Lake Tahoe“ von Fernando Eimbcke. Und was packt ein Berlinale-Profi in seine Kinotasche? „Etwas zu trinken und, je nach Genre, Taschentücher“, sagt von Schönfeld. Was sie stört: große Leute in der Reihe vor ihr. tja

Der Exot: Auf der Suche nach Russenkino

Meistens sucht Gustav Adolf Weber auf der Berlinale nach Filmen, „die man danach nie wieder sieht“. Die Wettbewerbsfilme schaut der 75-jährige Berliner grundsätzlich nicht. „Viel zu kommerziell“, findet er. „Mich interessieren Filme, in denen man etwas über das Leben von Menschen in fremden Ländern erfährt.“ In diesem Jahr durchsucht Gustav Adolf Weber das Berlinale-Programmheft nach russischen und italienischen Filmen. Ein bisschen Russisch spricht er ohnehin, und wenn’s mal schwer verständlich wird, dann „gibt es zum Glück ja Untertitel“. Italienisch lernt er gerade. Am Dienstagmittag kauft er Kinokarten für sich und seine Frau, maximal fünf will er erstehen. „Leider kann man die Tickets immer nur drei Tage im Voraus kaufen“, sagt er. Es sei ein bisschen traurig, dass er dann in ein paar Tagen noch mal anstehen müsse. Sein Albtraum im Kinosaal: Leute, die sich ständig unterhalten. tja

Die Zielstrebige:  Mein Mann bleibt zu Hause

Carmen Burau hat Kondition: Etwa eine Stunde lang steht die 33-Jährige aus Brandenburg schon für Berlinaletickets in den Potsdamer Platz Arkaden an. „Ich habe mir eine Filmhierarchie erstellt“, erklärt sie. In dieser Hierarchie stehen geordnet alle die Filme, die sie gerne sehen möchte. „There Will Be Blood“ mit Daniel Day-Lewis steht ganz oben auf der Liste. Und dann noch „etwas Exotisches“, wie zum Beispiel die finnische Produktion „Black Ice“. „Ich hoffe, etwa sechs Tickets kaufen zu können“, sagt Carmen Burau und rechnet im Kopf: Ungefähr 70 Euro wird sie für die Kinokarten ausgeben. Von Science Fiction bis zum Tierfilm mag sie grundsätzlich alles und normalerweise geht sie immer mit ihrem Mann ins Kino. Für die Berlinale hat sie den allerdings gar nicht gefragt, denn zwei Freundinnen kommen zu Besuch. Was Carmen Burau im Kino furchtbar findet: Wenn Leute an Stellen lachen, die gar nicht witzig sind. tja

Der Soziologe:  Ich studiere  das Publikum

Endlich mal wieder die eigene Muttersprache hören, über eine Stunde lang, nonstop. Tako Hosoya aus Japan freut sich – worauf wohl – auf die japanischen Filme der Berlinale. Zum Beispiel auf „Megane“ von Naoko Ogigami. Dabei schaut er im Kino oft gar nicht auf die Leinwand! „Ich sehe mir gerne die Leute an, die japanische Filme gucken“, erzählt der 30-Jährige. Wie die aussehen, sei schwer zu beschreiben. „Es sind Leute, die Interesse am Exotischen haben.“ Bei der Berlinale ist der Sportstudent schon zum dritten Mal dabei, seit sechs Jahren studiert er in Berlin. Viel Zeit darf er während der kommenden Tage allerdings nicht im Kino verbringen, denn an der Uni stehen noch letzte Klausuren an. „Am 21. Februar, Soziologie“. Aber drei Filme seien schon okay, meint Tako Hosoya. Klar. Und: Ist Leute im Kino beobachten nicht auch irgendwie eine Form des Soziologiestudiums? Prima Klausurvorbereitung, sozusagen. tja

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