Berlinale : Zoo-Palast: Geschwungene Eleganz

Der Zoo-Palast, einst Hauptspielstätte des Festivals, wird umgebaut. Ein Bildband zeigt seinen Retroschick.

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„Flaggschiff der Berlinale“, „Lieblingskino“ der Filmfestspiele, „wunderbares Kinogefühl“ – beim Zoo-Palast gerät Dieter Kosslick, Chef des kommenden Donnerstag zum 60. Mal startenden Festivals, leicht ins Schwärmen, in diesem Fall fürs Vorwort eines neuen Bildbandes über den so gepriesenen Kinobau. Von 1957 bis 1999 war der denkmalgeschützte Filmtempel die zentrale Spielstätte der Berlinale, und noch heute werden dort die Filme der Sektionen „Panorama“ und „Generation“ gezeigt – in diesem Jahr allerdings wohl zum vorerst letzten Mal. Die jahrelangen Planungen für einen Umbau des sogenannten Zoobogens kommen in ihre akute Phase, die Bauanträge sind in Arbeit, voraussichtlicher Baubeginn: irgendwann in der zweiten Jahreshälfte. Immerhin, der originale Zoo-Palast mit dem Hauptsaal und dem darunter liegenden „Atelier“ kommt dabei halbwegs ungeschoren davon, das war nicht in allen Planungsstadien so.

Seit 2002 gehört der Zoobogen der Bayerischen Bau und Immobilien Gruppe, die mit dem Ensemble – neben kleineren Bauten sind es das Hochhaus am Hardenbergplatz, der Zoo-Palast und das Bikini-Haus rechts daneben – Großes vorhat: „moderne Büroflächen, ein außergewöhnliches Einzelhandelserlebnis, feinste Gastronomie mit Flair sowie ein Hotel“. Der Zoo-Palast, seit 1994 vom Kinokonzern UCI betrieben, bleibt aber in jedem Fall erhalten.

Dies alles steht in einem städtebaulichen Vertrag, den das Münchner Unternehmen Anfang Oktober 2009 mit dem Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Klaus Dieter Gröhler, geschlossen hat. Konfliktpunkte sieht der CDU-Politiker nicht mehr, mit dem Eigentümer und Investor sei vereinbart worden, dass dieser etwa im Mai die Bauanträge einreiche und sie dann innerhalb von drei Monaten bearbeitet werden sollen. Mit dem Baubeginn rechnet Gröhler fürs zweite Halbjahr, die Bayern gehen eher von Ende 2010 aus, wollen sich zur Feinplanung, Details der Restaurierung und Fertigstellung des Zoo-Palasts momentan aber noch nicht äußern. Fest steht aber, dass die sieben Schachtelkinos, die dem 1957 eröffneten Filmpalast in späteren Jahrzehnten angeklebt worden waren, wieder weichen müssen und durch wahrscheinlich drei neue Kinosäle ersetzt werden.

Aktuelle Angaben zur künftigen Zahl der Kinoplätze gibt es derzeit nicht, in der Vergangenheit hatte es darüber einige Irritationen gegeben. Vor knapp drei Jahren war noch die Rede davon, den großen Saal zu verkleinern und die Zahl der Kinosessel von 1070 auf rund 600 zu reduzieren, der Saal des Ateliers stand sogar ganz zur Disposition. Das ist, auch durch den Widerstand der Denkmalpfleger, hinfällig. Ende 2009 hatte der Projektleiter für den Zoobogen, Stefan Günster, für den großen Saal bei gleichem Raummaß nun immerhin 850 Plätze und für den Kinokomplex insgesamt mehr als 2100 Plätze avisiert.

Das ist eine Größe, mit der auch die Berlinale leben könnte. Diese prüft bereits Alternativen für die Umbauzeit, will sie aber noch nicht öffentlich benennen, da es verschiedene Möglichkeiten gebe. Ansonsten müsse man ohnehin die generelle Entscheidung abwarten, ob der Zoo-Palast 2011 defintiv nicht zur Verfügung stehen werde, hieß es.

Obwohl nun also das Kino als Festivalort weiter erhalten bleibt, dürfte nicht jedes bauliche Detail, das heute den Retrocharme des Fünfziger-Jahre-Baus ausmacht, dessen Runderneuerung überstehen. Da ist es gut, dass mit dem erwähnten Bildband rechtzeitig eine fotografische Gedächtnisstütze vorliegt, um die Schönheit der Architektur gerade zum richtigen Zeitpunkt noch einmal zu fixieren. Die Aufnahmen stammen von der Fotografin Christine Kisorsy, die den Zoo-Palast in all seiner geschwungenen Eleganz sehr ansehnlich in Szene setzt, en gros und en detail, stets ohne Publikum. Das gibt den Fotos etwas Museales, lässt nichts von dem Gemeinschaftserlebnis spüren, das einen Kinobesuch ausmacht, schärft aber gerade dadurch das Auge für die Ästhetik des Filmpalasts, und zeige sich diese auch nur in einem deutlich der Nierentisch-Ära entstammenden Türgriff. Auch erleichtert solch eine von Zuschauern freie Kinolandschaft allerlei Assoziationen, so dass sich Berlinale-Chef Kosslick angesichts einer Aufnahme der Saaldecke, dieses dunklen, weiß umrahmten Ovals mit den Sternenlichtern der Lampen, sogar an einen noch zu drehenden Science-Fiction-Film erinnert fühlt: „2010 – Odyssee II im Weltraum“. Andreas Conrad

Christine Kisorsy: Kino-Magie. Zoo Palast Berlin. Samt Vorwort von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick und einem Essay zur Geschichte des Kinos von Michael Althen. Verlag Bertz+Fischer Berlin, 17,90 Euro.

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