Berliner Cafés : Surfen und schlürfen

Ohne Internetanschluss geht heute nichts mehr – selbst der Besuch im Café. Viele Lokale bieten mittlerweile drahtlosen Zugang zum Netz an. Tipps für Laptop- und Milchkaffeefans.

Nana Heymann
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Computerclub. Das Café Oberholz in Mitte gehört zu den Hotspots für Laptop-Ausflügler. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Als Anna-Lena Nickel im April vergangenen Jahres mit ihrer Geschäftspartnerin die „Tussylounge“ in Friedrichshain eröffnete, stand für sie eines fest: Das kleine Café mit dem dazugehörigen Friseursalon sollte unbedingt über kabellosen Internetzugang verfügen, über W-Lan. „Man surft ja selber viel im Netz, den ganzen Tag“, sagt die Gastronomin. Ihren Kunden wollte sie das auch ermöglichen. Die können nun beim Personal mit der Bestellung das Passwort für den Zugang erfragen. „Es sind meistens Studenten oder Freiberufler, die dieses Angebot nutzen“, sagt Nickel.

Viele Cafés bieten heutzutage freien kabellosen Internetzugang an, günstige Flatrates machen das möglich. Der Service gehört zum Großstadtleben wie Milchschaum zum Kaffee. Mails beantworten beim morgendlichen Latte Macchiato, Nachrichten lesen beim Mittagessen: Für Menschen, denen der Alltag zunehmende Flexibilität abverlangt, ist das unverzichtbar. Ihre Augen sind starr auf den Bildschirm gerichtet, während Getränke und Lebensmittel mechanisch in den Mund geschoben werden.

Eines der bekanntesten W-Lan-Cafés ist das Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz in Mitte. Der Laden befindet sich in einem Gebäude mit Tradition. 1898 eröffneten hier die Brüder August und Carl Aschinger ihre „9. Bierquelle“. Bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein war der Ort ein Treffpunkt der Kunst- und Kulturszene, hier entstand zum Teil Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Die neuen Betreiber handelten daher nur konsequent, als sie mit der Neueröffnung an diese Geschichte anknüpften. Mittlerweile trifft sich hier das, was die Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo als „digitale Bohème“ bezeichnen: Menschen, die hinter ihren aufgeklappten Laptops verschwinden. Und diese sind vornehmlich weiß und mit einem leuchtenden Apfel-Logo verziert. Er gehört zum inoffiziellen Dresscode wie Röhrenjeans und Nerd-Brillen. Wer sich daran nicht hält, wird von den anderen Gästen abfällig gemustert – mitunter wird das Café auch Sankt Ober-Apple-Holz genannt.

Es gibt das Vorhaben, in der Innenstadt flächendeckenden W-Lan-Zugang anzubieten. Dieser Plan hat jedoch kürzlich einen Rückschlag erlitten. Auf den meisten Straßenlaternen dürfen die dafür nötigen Antennen nicht angebracht werden, teilte die Senatsverwaltung für Wirtschaft mit. Zum einen, weil sie das Stadtbild prägen, zum anderen, weil sie mit Gas betrieben werden. Außerdem wäre bei Ampeln und einem Großteil der Lampen im Ostteil der Stadt die geeignete Stromversorgung für W-Lan-Betreiber sehr aufwendig.

Berlin wird sich also in absehbarer Zeit nicht in einen großen Hotspot verwandeln. An zentralen Orten kann man dennoch kostenfrei und drahtlos ins Internet. Zum Beispiel im Sony-Center am Potsdamer Platz. Hier sieht man zu jeder Tageszeit Menschen mit ihren Laptops, mitunter sind es Dutzende zugleich. Für Gastronomin Anna-Lena Nickel von der Tussylounge ist das jedoch kein erstrebenswerter Anblick für ihr Café. „Wenn an jedem Tisch ein aufgeklapptes Gerät steht, wäre das nicht gut für die Atmosphäre“, sagt sie. „Dann würde es bei uns aussehen wie in einem Computerclub – eine schreckliche Vorstellung.“ Vielleicht hat es ja auch etwas mit dem 50er- Jahre-Interieur zu tun, mit den alten, abgewetzten Sesseln und den vergilbten Tapeten an den Wänden. Ein Laptop passt hier einfach nicht ins Bild, so altmodisch das auch klingt.

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