Berliner Clubs : Touris müssen draußen bleiben

Geheimauftrag Club: Das Nachtleben gedeiht zunehmend im Verborgenen, weil Veranstalter und Clubbetreiber auf Werbung verzichten. Und das bewusst. Touristen sollen draußen bleiben, um Geheimtipps in Insiderkreisen zu lassen.

Nana Heymann,Ric Graf
Geheim-Party Foto: ddp
Touristen bitte draußen bleiben. Insider-Parties werden zum Trend.Foto: ddp

Von diesem Ort sollen möglichst wenig Menschen wissen – und trotzdem ist er voll. Es ist Freitagnacht, und im "Tausend", der neuen Tanzbar nahe dem S-Bahnhof Friedrichstraße, drängen sich dutzende Frauen und Männer. Der Türsteher hat gerade den Einlassstopp verhängt. Sein Chef Till Harter, dem auch die "103"-Bar in Mitte und der "103"- Club in Kreuzberg gehören, schiebt sich zufrieden durch den Laden. Seine Taktik ist aufgegangen: keine Werbung für das Tausend, keine Flyer, keine Plakate. Nur persönliche Einladungen "an Leute, die ich kenne und gerne mag, an Freunde und nette Bekannte".

Mundpropaganda statt aufwendige Werbung

Till Harter ist damit nicht der Einzige. Auch Heinz Gindullis, Betreiber des "Cookies", setzt auf Freundeskreis und Geheimhaltung. Als er im Sommer das "Crackers" an der Heidestraße in Tiergarten eröffnete, schickte er nur eine SMS an ein paar Freunde und Bekannte. Trotzdem ist die Tanzbar stets gut gefüllt. Für das "Rodeo2 an der Auguststraße müssen sich die Gäste unter einer Handynummer anmelden, und auch die Macher von Läden wie "Picknick","Tape" oder Berghain bauen auf Newsletter-Verteiler und Mundpropaganda.

"Durch weniger Werbung erreicht man mehr", sagt Till Harter. Der Vorteil liegt auf der Hand: Man will und kann unter sich und seinesgleichen feiern, ungehobelte Partygäste aus Randbezirken ebenso außen vor lassen wie trinkselige Engländer. Clubs, die öffentlich für sich werben und als Ausgehtipp in Reiseführern landen, laufen Gefahr, zu Touristenschuppen zu verkommen.

"Mein neues Projekt ist näher an mir selbst dran, an Menschen in meinem Alter", sagt Till Harter, selbst 38 Jahre alt. Es geht ihm im Tausend nicht darum, den Laden mit jungen Feierwütigen vollzubekommen. Vielmehr will er einen Ort schaffen, der nicht überrannt ist. Zusammensein im kleinen Kreis, Qualität statt Quantität. Seine Gäste sollen das Gefühl haben, die bessere Party zu feiern.

Illegale Parties werden immer beliebter

So ähnlich denken auch die Veranstalter illegaler Partys, die schon immer Teil der Berliner Feierkultur sind. Jedes Wochenende treffen sich hunderte Menschen in entlegenen Tunnelanlagen oder in der Ringbahn – ohne Erlaubnis zum Tanzen. Bekannt sind auch die "Reclaim the Sparkasse"-Partys, bei denen sich Dutzende nachts in einer Sparkassen-Filiale verabreden und feiern, bis die Polizei kommt. Das Katz-und-Maus-Spiel mit den Uniformierten macht den Reiz für die Gäste aus.

Worin besteht die Attraktivität illegaler Partys? Tom, der seinen Nachnamen nicht nennen will, veranstaltet solche Abende, bei denen er per SMS in leer stehenden Fabrikgebäuden am Ostkreuz oder auf Baustellen an die Warschauer Brücke lädt. "Die Leute sind von den Clubs genervt. Da stressen die Türsteher, der Eintritt ist zu hoch, und es passiert nichts Spannendes. Deshalb seien die Geheimpartys attraktiver, weil sie nicht ins Partykorsett Berlins passen", sagt er. Aus diesem Korsett befreien sich nun viele Veranstalter. Es ist ihnen zu anstrengend, einen Club zu eröffnen, die strengen Auflagen der Behörden zu erfüllen – um letztlich doch nur mit anderen Feierorten zu konkurrieren.

Till Harter begründet den Erfolg solcher Partys mit einer Sehnsucht nach dem Undergroundgefühl der 90er Jahre. Kurz nach der Wende eröffneten fast jede Woche improvisierte Clubs. Aber auch andere Erwägungen spielen eine Rolle. "Ich will meinen neuen Laden bewusst klein halten, weil ich langfristig plane", sagt Harter. Das sei einfacher, wenn man den Überblick behält.

Ein Problem gibt es allerdings. Sobald sich an der Tür lange Schlangen bilden, ziehen sie die Aufmerksamkeit von Passanten auf sich. Dann ist die Strategie der Geheimhaltung, des Unter-sich-Seins mehr Anspruch als Realität.

Mehr zum Thema gibt es in der neuen Ausgabe des Stadtmagazins "Zitty".

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