Berliner Kurzfilm : Dreh mit lauter Hauptrollen

Stuart Holt ist mit der Kamera durch die Stadt gezogen und hat Berliner nach den interessantesten Menschen gefragt, die sie kennen Diese hat er interviewt und gebeten, neue Kandidaten zu nominieren. Entstanden sind Kurzfilme, die heute erstmals gezeigt werden.

Christian Helten
Ganz entspannt. Der Brite Stuart Holt hat bereits in mehreren Großstädten Porträts von deren Bewohnern gedreht. Die Berliner faszinierten ihn dabei besonders.
Ganz entspannt. Der Brite Stuart Holt hat bereits in mehreren Großstädten Porträts von deren Bewohnern gedreht. Die Berliner...Foto: Georg Moritz

Eigentlich ist Stuart Holt ganz schön unverschämt. Er stellt Leuten regelmäßig eine Frage, die er selbst nicht beantworten kann. Sie lautet: Wer ist der interessanteste Mensch, den du kennst? „Ich bin wirklich froh, dass ich das nicht beantworten muss“, sagt Holt und lehnt sich im Sessel zurück. Er kann auch nicht erklären, was einen interessanten Menschen überhaupt ausmacht. Sein Beruf? Seine Lebensgeschichte? Holt überlegt, gerät beim Reden ins Stocken und blickt ins Leere, er, der seine Gedanken sonst in so klare Sätze zu fassen weiß, ruhig und eloquent, in britischem Englisch.

Seit Jahren reist der gebürtige Londoner durch die Metropolen dieser Welt, um Leuten seine Frage zu stellen. In London hat er begonnen, dann war er in Los Angeles und São Paulo, seit einem Jahr ist er in Berlin. In jeder dieser Städte hat er Menschen in kurzen Filmen porträtiert, die er heute Abend im Ballhaus Ost vorstellt. Die Befragten erzählen von sich, von dem, woran sie glauben und was sie bewegt und von den Orten, an dem sie leben. Zum Schluss schicken sie Stuart Holt weiter. Zu einem Bekannten oder Freund, der sie inspiriert hat oder ihr Leben in irgendeiner Form verändert hat – ihrer „Most interesting Person“, wie auch der Titel der Kurzfilmreihe lautet. So ergibt sich eine filmische Menschenkette – und ein ganz besonderes Bild der Stadt und ihrer Bewohner. „Es sind die Menschen, die eine Stadt ausmachten“, sagt Holt. „Wenn wir ihre Verbindungen betrachten und wie sich Ideen unter ihnen ausbreiten, verstehen wir, wo wir leben. Wir können die Aura der Stadt und ihren Wandel spüren.“

So hat Holt festgestellt, dass die Menschen in Berlin die für sie interessantesten Leute ganz anders auswählen als zum Beispiel in Los Angeles. „Dort trafen die Leute ihre Entscheidungen wesentlich karriereorientierter, je nachdem, wer ihnen nützlich sein könnte oder sie selbst möglichst interessant rüberkommen ließ.“ In Berlin sei das anders gewesen. Offener. Vielfältiger. Deshalb hat er sich Berlin ausgesucht für die Weiterführung seines Projekts. Die Stadt sei unter den europäischen Metropolen einzigartig, Holt nennt sie einen „kulturellen Ground Zero, der auch wegen seiner turbulenten Geschichte wahnsinnig viel Raum für Kreativität bietet“.Überrascht hat ihn, in welche Richtungen sich die Menschenketten hier entwickelten: Eine beginnt mit Gerhard Baader, Professor für Geschichte der Medizin, und endet mit Elena Gheorghinca, die in den Achtzigerjahren aus Rumänien nach Berlin flüchtete, ohne Geld und ohne einen Fetzen Deutsch zu sprechen. Heute hat sie zwei Kinder, die es auf die Universität geschafft haben.

Die Drehorte der Kurzfilme wechseln ständig, die Protagonisten wählen sie jeweils selbst und erklären ihre Beziehung zu dem Ort. Von der Pfaueninsel, dem Lieblingsort eines Zeitungsreporters, geht es auf das Hausdach einer Kommune in Kreuzberg, in der Studentin Edda Kruse lebt. Stuart Holt kann scheinbar ewig von den Menschen erzählen, die er getroffen hat. Auch von denen, die der Auslöser waren für sein Projekt. Es war 2004, als er noch in England Musik studierte: Er reiste mit einem Bekannten von Newcastle nach Barcelona. „Das waren zwei Tage Konversation, über alles Mögliche, von Techno bis Politik“, erzählt er. Sein Gesprächspartner habe so viel gewusst und ihn so fasziniert, dass Holt dessen Umfeld kennenlernen wollte. Er erhielt seine erste Empfehlung und traf den Onkel seines Bekannten, einen britischen Dokumentarfilmer. „Auch der hat mich umgehauen“, sagt er. Also holte er sich eine weitere Empfehlung – und beschloss, daraus ein Langzeitprojekt zu machen. Zunächst machte er nur Fotos von den Gesprächspartnern. Denn das ist der Beruf, den der heute 32-Jährige sich mit Mitte 20 eigentlich ausgesucht hatte: Er wurde Fotograf, hauptsächlich für Auftraggeber aus der Musikbranche, in der er nach seinem Musikstudium tätig war.

Die Menschen, die er während seines Filmprojekts getroffen hat, faszinieren ihn so sehr, dass er für heute Abend im Ballhaus Ost nicht einfach eine Premierenfeier geplant hat. Er will nicht nur über sich und seine Filme reden. „Ich bin langweilig“, sagt er und beginnt davon zu schwärmen, dass viele der Berliner Protagonisten heute da sein werden und die Veranstaltung mit Lesungen, Gesprächsrunden und Ausstellungen zu einem „Festival of Life“ machen werden. Während er von ihnen redet, kommt ihm dann doch noch eine Antwort auf die Frage, was einen faszinierenden Menschen denn nun ausmacht: „Menschen sind dann interessant, wenn sie selbst interessierte Menschen sind.“

„Most Interesting Person“ im Ballhaus Ost, Pappelallee 15, 13-4.30 Uhr. Die Filme sind auch auf www.mostinterestingperson.me zu sehen

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