Berliner Lebensadern (19) : Mulackstraße: Muskel-Adolf sein Milljöh

Straßen erzählen Geschichten. Stadtgeschichten, Kiezgeschichten, Lebensgeschichten: Die Mulackstraße in Mitte war einst eine Ganovenhochburg, heute bleiben hier die Reisebusse stecken.

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Klein-Chicago. Alfred Döblin beobachtete in den zwanziger Jahren in der Mulackstraße in Mitte ein dauerndes „Hinundherlungern“. Heute wandern Touristen mit Fotoapparaten aus den nahe gelegenen Hostels die Straße hoch und runter.
Klein-Chicago. Alfred Döblin beobachtete in den zwanziger Jahren in der Mulackstraße in Mitte ein dauerndes „Hinundherlungern“....Foto: Mike Wolff

Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass ich das Prekariat in meinem Kiez bin. Die Stiefel von A.P.C. sind schick, aber unerschwinglich. Betörend auch der Seidenschal von Lala Berlin, mit dem eben erst Claudia Schiffer gesehen wurde – 200 Euro. Das cappuccinofarbene Abendkleid des vietnamesischen Designers Ha Duong, die Fuchsfellweste von C’est tout. Meine Wunschliste ist endlos. Wäre da nicht meine Schwellenangst, würde ich auch die große Filiale dieser schwedischen Kette betreten. Dort bin ich keine Unbekannte: Mindestens die Hälfte der Belegschaft (Erster-Stock-Showroom) hat mich mit Handtuchturm auf dem Kopf – oder noch schlimmer, ohne Handtuch – am samstäglichen Frühstückstisch gesehen.

Vor drei Jahren wurde ich aus Prenzlauer Berg rausgeworfen. Meine Ex-Vermieterin, möge sie in der Hölle schmoren wie die köstlichen Kartoffeln im Ofen von Daniel Bixel (Mulackstraße 38), meldete Eigenbedarf an und zog nach kurzer Zeit wieder zurück nach Charlottenburg. Jetzt kassiert sie mit ziemlicher Sicherheit die dreifache Miete. Ich hasse sie. Und ich liebe sie auch ein bisschen, denn sie trieb mich weiter nach Süden, über die Demarkationslinie Torstraße.

Sechs Wochen hatte sie mir Zeit gelassen, ein neues Zuhause zu finden. Ich probierte mein Glück auch über die Suchmaschine der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, der WBM. Beim Hausmeisterstützpunkt an der Rosenthaler Straße holte ich früh um sieben die Schlüssel zur Besichtigung. Ich weiß noch, es lag Schnee, alles sah aus wie im Märchen, und ich hatte die wahrscheinlich letzte unsanierte, mehrfach linoleumverklebte, halbwegs erschwingliche Altbauwohnung im Scheunenviertel gefunden. Ja, so etwas gibt es! Beziehungsweise gab es, denn jetzt wohne ich ja dort. In einer geschmackvollen Bruchbude, im Epizentrum des internationalen Luxuskonsums.

Die Mulackstraße weckt Begehrlichkeiten, damit muss man erst mal umzugehen wissen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie zudem das natürliche Habitat der Modepolizei in Gestalt von Bloggern wie Bryan Boy ist. Mich hat noch nie einer fotografiert, dabei gebe ich mir schon beim Brötchenholen große Mühe. Ob sie wohl erkennen, dass meine Jacke bloß von Zara ist? Liegt es daran, dass ich weder eine Brille noch einen Bloggerinnen-Haarknödel trage? Oder, um es gleich in meiner Kiez-Umgangssprache zu sagen: Do I try too hard?

Sogar die Politessen, die täglich durch die Straße stieben, sehen viel besser aus als anderswo. Sie haben einen ziemlich schwierigen Job – um die Parkverbotsschilder in der Mulackstraße zu verstehen, braucht man zwei Staatsexamen. Es ist eine bizarre Mischung aus zeitlich begrenzten Ladezonen, Ausnahmen und Bewohnerparkvorrechten.

Vor kurzem blieb ein Reisebus in der Straße stecken und musste ganz langsam rückwärts rausfahren. Ich hoffe, der Fahrer erzählt allen seinen Kollegen weltweit von diesem Schockerlebnis.

Auch Filmarbeiten finden statt - sogar Teams aus Asien reisen an

Manchmal werde ich nachts vom lautstarken Fluchen eines Porsche-Parkers geweckt. Offenbar kann ein Bündel Knöllchen so einen Wachsjackenträger ernsthaft aus der Fassung bringen, es ist erstaunlich. „Das musst du verstehen: Viele glauben eben, dass in der Mulackstraße nur Schaufensterpuppen wohnen“, sagte neulich eine Bekannte. Vielleicht fühlen sich die Menschen deswegen so unbeobachtet, erwiderte ich, wenn sie unsere ruhige Seitenstraße wählen, um an die Hauswände zu pinkeln, sich zu streiten oder mal ganz ungestört beim Windowshopping zu telefonieren.

Es kommt auch vor, dass Filmarbeiten stattfinden. Vor zwei Wochen habe ich ein Team aus Asien beobachtet. Sie drehten immer dieselbe Szene: Ein Mädchen schrie gellend, hüpfte auf und ab – und rannte davon. Ein Catering-Wagen stand direkt vor unserer Haustür, als ich vorbeigehen wollte, schnauzte mich eine Frau auf Englisch an. Da bedauerte ich, dass ich mein „I’m not a tourist, I live here“-T-Shirt schon vor 15 Jahren weggeworfen hatte.

Nur bei Betty F***, einer Schwulenbar im Souterrain (Mulackstraße 13), spürt man, was die Straße früher einmal gewesen sein muss: ein Hangout für Leute wie Marlene Dietrich und Bertolt Brecht. Wer stark genug ist, ein gerüttelt Maß Nostalgie zu ertragen, kann im Gutshaus Mahlsdorf die ollen Requisiten der 1951 geschlossenen Kneipe „Mulackritze“ besichtigen – Charlotte von Mahlsdorf hat sie gerettet. Ein Milljöh gedieh hier, in dem der Ringverein „Immertreu“ sein Unwesen trieb, allen voran Adolf Leib, besser bekannt als Muskel-Adolf. Leib diente Fritz Lang als Informationsquelle für seinen Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Das Hinundherlungern im Döblin’schen Sinne hat sich nicht verändert

„Einst sammelte sich hier das Lumpenproletariat der Stadt“, schrieb der „Spiegel“ über den Kiez. „Kaschemmen und Kramläden, Nutten und Luden, Trödler und Ganoven bestimmten das Bild. In den Straßen, durch die er später seinen strafentlassenen Franz Biberkopf tigern ließ, beobachtete Alfred Döblin ein dauerndes ,Hinundherlungern’.“

Die Sache mit dem Hinundherlungern im Döblin’schen Sinne hat sich nicht verändert. Heute wandern Touristen mit Fotoapparaten aus den nahe gelegenen Hostels die Mulackstraße hoch und runter, schlagen sich die Bäuche voll mit der unerreichten Feigenpasta vom „Mädchenitaliener“ – der unangefochtenen kulinarischen Institution am Kopf der Straße. Schon morgens dringt der Duft des BalsamicoHonig-Rosmarin-Suds durch die Fenster des Restaurants nach draußen. Ich würde den Duft unter hunderttausenden erkennen, und ich mag ihn immer noch.

Das mit den „Nutten und Luden“ stimmt übrigens auch ansatzweise. Seitdem die „Hells Angels“ offiziell den Straßenstrich rund um den Hackeschen Markt kontrollieren, kann man nach Sonnenuntergang Ecke Gormannstraße lupenreine Zuhälter bei der Arbeit beobachten. Einer von ihnen fährt, wenn ich mich nicht irre, ein rosa Coupé. Unauffällig geht anders.

Die Mulackstraße: Klein-Chicago, Brooklyn, Shoreditch und das Marais. Aber Prenzlauer Berg? Nein, das nicht. So langweilig wird es nie.

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