Berliner Mauer : Bröckelnde Erinnerung

Der Touristenmagnet East Side Gallery sollte im Herbst saniert sein. Nun ist das Millionenprojekt wieder aufgeschoben – Anträge für Lottomittel wurden zu spät eingereicht.

Susanne Leimstoll
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Die East Side Gallery. Zwei Drittel sind seit der Kunstaktion 1990 unsaniert geblieben, die meisten Bilder sind zerstört:...Foto: Spiekermann-Klaas

Es ist zugig und regnerisch an diesem Morgen in der Mühlenstraße zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke. Ein Wetter wie geschaffen für einen Museumstag. In diesem Fall stehen die Exponate im Freien. Die Besucher kommen trotzdem, Hunderte. Riesenpulks mit Rucksäcken, kleine Grüppchen mit Stadtführern. Es wird Italienisch gesprochen und Französisch und Englisch. Alle haben Kameras dabei. Und Stifte. Das Ritual geht so: Aufstellung nehmen, Foto machen und sich ins 1316 Meter lange Gästebuch eintragen, direkt drauf aufs Wandbild. So geht das eine geschätzte halbe Million Mal im Jahr an der „Berliner Mauer“. Die ist ein dringender Sanierungsfall. 2,17 Millionen Euro für Reparaturen sind so gut wie bewilligt, doch die Arbeit kann nicht beginnen. Der Papierkram wegen der Lottomittel ist noch nicht beisammen.

Birgit Kinder steht vor dem Bild, das sie im Frühjahr 1990 beigesteuert hat zur East Side Gallery, dem Hinterlandmauer-Teil, der sich „die längste dauerhafte Open-Air-Galerie der Welt“ nennt. Sie streicht das blonde Haar ordentlich zurück und sagt: „So sah mein Bild aus, als es frisch gemalt war.“ Dann wuschelt sie die Frisur vors Gesicht: „Und so sieht es jetzt aus.“ Ihr Trabi, der die Mauer durchbricht, ist eines der bekanntesten Motive. Eines von 40 aus jenem Teil des Denkmals, der 2000 restauriert wurde.

Das ist die East Side Gallery heute: 333 Meter von Künstlern bemalte Fläche, 903 Meter verwitterter Beton mit 66 kaum noch auszumachenden Motiven der Aktion von 1990. Liebevoll bekrakelt, wütend besprüht, von Mauerspechten abgetragen. Der schmuddelige Rest vom Wendefest. Marode, der Beton bröselt, die Eisenkonstruktion im Inneren rostet.

Seit März schon sollte die East Side Gallery Baustelle sein. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird eine Million öffentlicher Mittel nicht los, die das Land für die Grundsanierung freigegeben hat: Das Original soll dafür erst mal zerstört, die Bemalung abgetragen, der Beton und der Stahl erneuert werden. Dann werden die Gemälde neu aufgebracht – von 118 Menschen, die hier logieren und verpflegt werden wollen. Sie machen das „für die nachfolgenden Generationen“, nicht, weil es lukrativ wäre. Jeder, sagt der Maler Kani Alavi, Sprecher der Künstlerinitiative East Side Gallery, erhält eine kostendeckende Pauschale von 4000 Euro. Die Organisation, die Öffentlichkeitsarbeit erledigen Leute aus einer AB-Maßnahme. Alles zusammen kostet die restliche gute Million.

Die soll aus Lottomitteln kommen. Das gehe praktisch klar, heißt es beim Bezirk, der Obersten Denkmalbehörde und der Senatskanzlei. Aber die Künstlerinitiative, deren Gründer Kani Alavi täglich wegen der Maßnahme drängelt, Sponsoren anspricht, Politiker nervt und mit Hartnäckigkeit in elf Jahren dazu beigetragen hat, dass der Touristenanziehungspunkt dem Land eine Randnotiz im Gedenkstättenkonzept wert ist, diese Künstlerinitiative also musste ihren Lottomittelantrag zurückziehen. Den stellt jetzt der von der Denkmalbehörde eingesetzte Sanierungsträger S.T.E.R.N., weil der sich mit so was besser auskennt als Künstler. „Wir wollten nicht das Risiko eingehen, dass es von der Lottostiftung Rückfragen gibt“, sagt Manfred Kühne, Leiter der Obersten Denkmalbehörde.

Dafür kam ein anderes Risiko hinzu: das bürokratischer Hemmnisse. In der Februar-Sitzung der Lottostiftung, so rechnete man, würden die Mittel bewilligt. Doch da konnte nicht entschieden werden, weil die Stellungnahmen zweier Senatsverwaltungen fehlten. Eine steht bis jetzt aus, nun muss die Sache warten bis zur nächsten Sitzung im Juni. „Wenn Ende Juni der Bescheid kommt, können wir ausschreiben. Frühestens im Herbst würde dann die Betonsanierung beginnen“, rechnet Franz Schulz, grüner Bürgermeister des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Das ist ungünstig, denn dann steht das Denkmal Hinterlandmauer über den Winter kahl da – eine Einladung an alle Sprayer. „Da grübeln wir im Moment, ob wir alles verschieben oder die Maßnahme in kleinere Abschnitte teilen.“ Die zuständigen Herren sind irritiert: Schulz wegen der lahmen Bearbeitung auf Landesebene, und ebenso Cornelius van Geisten, S.T.E.R.N.-Geschäftsführer, dessen Leute die Vorlage in der Weihnachtspause fertig gemacht hatten. „Ich hatte mir das leichter vorgestellt“, sagt er.

Die Künstler der Initiative nicht. Ihr Sprecher Kani Alavi glaubt, ohne sein Drängeln wäre die East Side Gallery sowieso längst weg. Er fürchtet, dass auch künftig Grundstücksinteressen vor Mauererhaltung gehen. Für das Anschutz-Projekt O2-Arena wurde ein 45 Meter breites Stück für einen Durchgang zur Spree geopfert. Für den Neubau der alten Verbindung Brommy-Brücke wird ebenfalls eine Lücke geschlagen.

Alavi trommelt seit 2002 für die Idee eines Dokumentationszentrums an der East Side Gallery. Die Denkmalbehörde will leer stehende Bahngebäude genutzt sehen. An einem möglichen Ort entsteht bis 2008 eine Grünanlage am Ufer, als Ausgleich für Bauprojekte. Schulz hat Alavi jetzt die Verkehrsinsel Rummelsburger Platz zwischen ehemaligem Post- und Anschutz-Gelände angeboten. Aber nur für ein ordentliches Gebäude, keine Containerlösung, wie schon einmal vorgeschlagen. Fehlt nur ein Investor. Am Sonnabend hat Alavi auf alle Fälle mal am Viktoria-Luise-Platz vorbei geschaut. Da wollte ein Unternehmer wie alle Jahre feierlich die Brunnensaison einläuten.

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