Berliner Schauspieler : Ausflug in ein alternatives Leben

Der Berliner Schauspieler Sinan al Kuri suchte im Nahen Osten seine irakischen Wurzeln – und fand eine Parallelwelt. Ein Film dokumentiert seine Reise.

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Wenn er seinen Stammbaum zu skizzieren versucht, kommt er selber durcheinander. Die Frau, die er seine Mutter nennt, ist eigentlich seine Tante, besser gesagt: die Frau seines Onkels. Seine Cousins sind wahrheitsgemäß seine Brüder, eine ganze Menge hat er davon also – oder nein, seine Halbgeschwister sind ja die tatsächlichen Vettern! So viel zumindest steht außer Frage: Sinan al Kuris Familiengeschichte ist kompliziert.

„War schon einfacher früher, als ich mich damit gar nicht erst auseinandergesetzt habe“, sagt der junge Mann mit den großen braunen Augen und lächelt verlegen. Bis in sein Erwachsenenleben hinein gab es für ihn nur Mama Bruni im beschaulichen Hessen, die er immer sehr geliebt habe, die ihm in seiner Teenagerzeit aber im Prinzip schon zu viel Familie gewesen sei. „Ich habe die Pubertät voll ausgekostet.“ Al Kuri grinst. Mit ausgiebigem Gekiffe sei das einhergegangen, totaler Verweigerung, reichlich Zoff zu Hause und schließlich dem Schulabbruch.

Dass der Brief, der ihn eines Tages aus Syrien erreichte, da irgendwie untergegangen ist, überrascht ihn rückblickend nicht wirklich. Sieben Jahre später erst, als Sinan al Kuri längst in das pulsierende Berlin gezogen ist und als Schauspieler Geld verdient, liest er die Zeilen eines ihm fremden Irakers: Neujahrsglückwünsche sind es, und dass man hoffe, endlich die richtige Adresse ermittelt zu haben, steht da. Der Absender kommt al Kuri bekannt vor, im Spam-Ordner seines Mail-Postfachs findet er eine zweite Nachricht: „Hi Sinan, I’m Omar your brother, hope you will answer me.“

„Und dann habe ich geantwortet“, sagt al Kuri. Hinter ihm, in der Lounge des Moviemento-Kinos in Kreuzberg, hängt das Filmplakat zu „Mein Vater. Mein Onkel.“. Sein Schulfreund Christoph Heller, der zu der Zeit die Filmhochschule in Berlin besucht, ist mit einem Kamerateam dabei, als al Kuri wenige Monate nach dem ersten Mailwechsel seiner leiblichen Mutter in den Vereinigten Arabischen Emiraten in den Armen liegt. Auch als Adoptivmutter Bruni in Darmstadt sichtlich bewegt von ihrer Flucht aus dem Irak erzählt und ihr ehemaliger Schwager, Sinans Vater Mudhar, in Dubai mit feuchten Augen von „Kidnapping“ spricht.

Als Hellers Kinodebüt – wiederum drei Jahre später – im Mai 2010 in Berlin über die Leinwand läuft, ist es jedoch keineswegs die Dokumentation einer Familienfehde; vielmehr eine behutsame Studie über das Aufeinanderprallen der Kulturen, in Bild und Ton eingefangen mit einer wohltuenden Portion Ironie. Da ist kein Platz für Anschuldigungen bei all der Freude über die Heimkehr des verlorenen Sohnes. Sinan al Kuris Reise nach Dubai, wo seine Ursprungsfamilie den Irakkrieg überdauert, ist sein Ausflug in ein alternatives Leben, ein Dasein als Muslim, traditionsverpflichtet, fest eingespannt in das Familienunternehmen. Das Publikum lacht, als seine Eltern ihm eine Ehefrau vorschlagen oder er der Verwandtschaft zu erklären versucht, welche tiefere religiöse Bedeutung „Guten Appetit!“ hat: keine.

Dass ihr viertes und jüngstes Kind mit westlichen Wertevorstellungen aufgewachsen ist, darüber sind die Eltern nicht glücklich. „Sie bemühen sich, zu akzeptieren, dass ich zu bestimmten Dingen ein anderes Verhältnis habe“, sagt al Kuri. „Andere Ideen davon, was ehrenvoll ist: Schauspieler ist für sie kein anständiger Beruf.“ Christoph Heller habe ihnen aber versichert, dass ihr Sohn damit in Deutschland Erfolg hat. „Das hat sie beruhigt.“ In diversen Krimiserien war er seither zu sehen, im Atze-Musiktheater in Wedding steht er derzeit für „Ayla, Alis Tochter“ auf der Bühne. Ein Stück, das manches gemein hat mit seiner eigenen Biografie.

Er sei froh, nun seine Wurzeln zu kennen, sagt al Kuri. Und habe vieles gelernt, über Fürsorge zum Beispiel und Zusammenhalt. Eines allerdings habe er klarstellen müssen: „Ich werde in Berlin bleiben und heiraten, wen ich für richtig halte.“ Demnächst will er der Familie seine Freundin vorstellen, tätowiert und gepierct. „Da müssen sie durch. Ich glaube ohnehin, sie sind erheblich toleranter, als ich zuweilen denke“, sagt er. Sollten sie aber je nach Berlin kommen, bedürfe es wohl trotzdem noch einiger Vorbereitung – auf die westliche Welt, seine Welt.

„Mein Vater. Mein Onkel.“ läuft täglich zu wechselnden Uhrzeiten im Moviemento, Kottbusser Damm 22. Mehr Infos unter www.mein-vater-mein-onkel.de.

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