Berliner Sommer : Es war nicht alles schlecht

Eisbär Knut, Tom Cruise, viel Regen und das Schifffahrtsamt: Ein Rückblick auf den Sommer 2007 in Berlin.

Bernd Matthies
Knut
Bilanz aufgehellt: Eisbär Knut erlangt weltweite Berühtheit. -Foto: ddp

Trennungen allenthalben zum Ferienbeginn: Berlins Abiturienten verlassen ihre höheren Lehranstalten mit einem bislang nie erreichten Zensurendurchschnitt, und Thomas Dörflein verlässt Knut. Die Beziehungskiste des Jahrzehnts findet ein natürliches Ende, der kühne Pfleger macht erleichtert Urlaub, Knut ungerührt Männchen. Von Sommerloch kann indessen noch keine Rede sein, denn von Hollywood her marschiert Tom Cruise auf Babelsberg zu wie einst Napoleon auf Paris – noch eine Woche bis Drehbeginn! Im Naturkundemuseum werden die Dinos ausgepackt: Die hässlichsten Monster sind vom Start weg fast genauso erfolgreich wie die schönsten Franzosen. Und das Wetter deutet mit einer hektischen Abfolge von schwül-heißen und schwül-nassen Tagen bereits an, dass es 2007 nicht bereit sein wird, sich normalen mitteleuropäischen Sitten zu fügen.

Auf den Straßen wird es leerer, die Leute verreisen. Menschen mit einer echten Botschaft aber machen keine Ferien: In wenigen Julitagen lassen selbst ernannte Umweltschützer die Luft aus den Reifen von 53 Autos, in denen sie den Ungeist des Klimafrevels geortet haben – der Staatsschutz persönlich verwaltet die Anzeigen. Andere, eher unpolitische Schurken klauen Gullydeckel oder Kupferkabel der Bahn, und einige speziell Gestörte hoffen darauf, dass ihnen das Verätzen von U-Bahn-Scheiben mit Flusssäure zu Ruhm verhilft.

Es ist nicht alles schlecht in Berlin. Eine Studie der Zeitschrift „Reader’s Digest“ setzt die Bürger der Stadt weltweit auf Platz 4 in den Disziplinen Türaufhalten und Fundsachen zurückgeben. Das lindert ein wenig den Schmerz darüber, dass München sich um die Winterspiele 2018 bewerben wird. Damit ist Klaus Wowereits Überdrübersuperprojekt Olympia 2020 nur noch Altpapier.

Dann wird es doch mal wieder richtig Sommer, die typischen Themen drängen an die Öffentlichkeit: Der Name des Olympiastadions soll, dereinst verkauft, Millionen bringen, die Autofahrer ignorieren immer mehr rote Ampeln, Teenager saufen bis zum Umfallen und Knut tendiert immer mehr ins Gelbgraue. Selbst lange aussortierte Oh-je-Prominenz sieht plötzlich wieder PR-Chancen: Rolf Eden verkündet der entgeisterten Öffentlichkeit, dass er sich von seinem Rolls-Royce trennen wolle, teilt aber dann mit, er habe ja noch einen anderen. Potsdamer Forscher ermitteln, was nie jemand wissen wollte: Berlin wiegt 82,4 Billionen Tonnen. Für die Begleitmusik sorgen junge rumänische Straßenmusiker, die nach dem EU-Beitritt ihres Landes wissen wollen, ob das Geld im Westen wirklich auf der Straße liegt.

Ende Juli endet der Knatsch um den Landwehrkanal: Das Wasser- und Schifffahrtsamt gibt ihn nach fünf Wochen wieder für die Fahrgastschiffe frei und stellt eine Pressesprecherin vor, die verhindern soll, dass das Amt sich nochmal so täppisch mit Bürgern verzankt. Das dickste Ding des Sommers taucht am 31. Juli aus Lichterfelder Boden auf: ein 1000-Kilo- Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Lichterfelde-West muss nahezu komplett geräumt werden. Ansonsten Dienst nach Vorschrift: Knut hechelt, die Schweiz feiert ihren Nationalfeiertag, der Senat verspricht, die Scientologen im Auge zu behalten.

Wenn mal die Sonne scheint, ist es auch wieder nicht recht: Im Kreuzberger Prinzenbad vermiesen pöbelnde Jugendliche die Stimmung, die Bäderbetriebe denken über Anti-Konflikt-Teams nach und setzen Sicherheitsleute ein. In Neukölln raubt ein 22-jähriger Ex-Soldat einen Passanten aus und zielt mit einer Schreckschusspistole auf zwei Zivilpolizisten; sie erschießen ihn.

Unterdessen boomt das Filmgeschäft in Berlin. Tom Cruise filmt im Finanzministerium und besucht den Zoo, Susan Sarandon besucht Berliner Clubs, Klaus Wowereit besucht Steglitz-Zehlendorf. Zum Ferienende gibt es wieder Wolkenbrüche – und Knut ? Wir werden ihn ein wenig vermissen. 

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