Berliner U-Bahn-Geschichten : Verschämte Hilfe

Von einem Motz-Verkäufer und einer Frau, der das Mitleiden offenbar peinlich ist

Amir El-Ghussein

Am Halleschen Tor steige ich in die U1 ein und setze mein U-Bahn-Gesicht auf. Es unterscheidet sich nicht von dem U-Bahn-Gesicht anderer. Meist ist es etwas freudlos, apathisch, in sich gekehrt. Die Menschen dämmern vor sich hin und hängen den eigenen Gedanken nach. Manche benutzen auch Musik um diesen Zustand herbeizuführen und um sich von der Umwelt abzuschotten.

Herausgerissen werde ich aus diesem Zustand nur von wenigen meist missliebigen Ereignissen. Durch eine laute Diskussion, einen Streit, ein paar Musikanten, die mit ihrer Klampfe allzu aufdringlich die Trommelfelle malträtieren oder durch einen etwas müffelnden Motz-Verkäufer, der gerne eine Zeitung verkaufen will. Und genau diese letzte Situation durchbricht meinen inneren Rückzug. Der Mann steigt an der Prinzenstraße ein und eine Konversation von einer Mutter mit ihrem Sohn dringt an mein Ohr. Als die kleine blonde Mittvierzigerin den Motz-Verkäufer erblickt, ist ihr die Entscheidung schon anzusehen. Sie wird dem armen Mann etwas geben. Ihr vielleicht 14-jähriger braun gelockter Sohn nimmt dies gleichmütig zur Kenntnis.

Sie kramt schon in ihrem Geldbeutel, sammelt ein paar Münzen zusammen - dann zögert sie. Sie nimmt das Geld, drückt es ihrem Sohn in die Hand und fordert ihn mit einem Kopfnicken auf, es dem Mann zu geben. Der Teenager ist für jedermann sichtbar verblüfft. "Warum will meine Mutter dem Mann nicht das Geld geben?", scheint er sich zu fragen. Etwas verwirrt drückt er die Münzen dem Motz-Verkäufer in die Hand und wartet dann bis der Mann, der sich freundlich bedankt, vorbeigegangen ist. Dann flüstert er seiner Mutter aufgeregt ins Ohr. Sie schaut ganz verschämt drein, offenbar ist gerade etwas mit ihrer Vorbild-Funktion in Unordnung gekommen. Sie legt den Kopf leicht schief und signalisiert sichtlich bedröppelt, dass ihr der direkte Kontakt mit dem Mann unangenehm war. Der Junge schaut ungläubig.

Wir fahren am Kotti ein - ich muss raus, doch die Szene bleibt haften.

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