Berliner Weihnachtsmärchen (2) : Die frohe Botschaft

Ein Überfall in Prenzlauer Berg, ein nackter Weihnachtsagent, ein afrikanischer Zellengenosse – und dann diese geheimnisvollen Verse... Von Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck
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Was bisher geschah: Berlin ist im Jahre 2025 eine angesagte, wohlhabende Stadt – und eine Metropole der Singles. Familien gibt es kaum noch, die Alten leben im Armutsbezirk Wedding. Eine Familienagentur hat sich darauf spezialisiert, zum Weihnachtsfest die passende Atmosphäre zu schaffen, mit Opa, Gattin und Kindern. Bis eines Tages ein Mensch in der Tür steht und sagt: Ich bin der Weihnachtsmann.

Nachdem ich dem Afrikaner, der die ganze Zeit unbewegt auf der anderen Seite der Bank gesessen und wahrscheinlich kein einziges Wort verstanden hat, meine Geschichte erzählt habe, wird unter der Tür der Ausnüchterungszelle im Ostbahnhof ein Zettel zu uns hereingeschoben. Der Afrikaner rührt sich nicht und wirft nicht einmal einen Blick auf den Zettel. Ich hebe den Zettel auf und lese:

Er äußert sich all seiner Gewalt,

wird niedrig und gering

und nimmt an sich eins Knechts Gestalt,

der Schöpfer aller Ding´.



Dieses Beamtentum ist doch das Erbarmungsloste, was es gibt auf der Welt! Ich bin doch nicht der Schöpfer! Ich bin aus Fleisch und Blut! Ich bin nüchtern! Ich habe so lange von der Arbeitslosenunterstützung gelebt, bis ich auf die Idee kam, meine Firma zu gründen! Ich habe Erfolg! Aber ich bin nicht Gott! Ich bin nüchtern und werde so lange gegen diese Tür schlagen, bis ich wieder rauskomme! Stille. Der Afrikaner sagt nichts, er schaut mich nicht einmal an. Statt meiner, sage ich zu dem Afrikaner, während ich den Zettel zusammenknülle und zu Boden werfe, statt meiner müsste dieser Kerl hier sitzen, dieser angebliche Weihnachtsmann, dieser Betrüger mit seinem fadenscheinigen Lehrergesicht, der an die Tür meiner Agentur am Helmholtzplatz geklopft und mich in ein Gespräch über den „wahren Geist der Weihnacht“ verwickelt hat. Der Afrikaner schaut mich noch immer nicht an. Ich rede trotzdem weiter, ich sage: Den „wahren Geist der Weihnacht“ finden! Ja, wo denn? Ich bin doch nicht der Erlöser, nur weil ich eine Weihnachtsagentur habe! Alles wird von der falschen Seite angesehen! Ein Jahresumsatz macht sich doch nicht von allein, habe ich zu diesem Weihnachtslehrer gesagt, sage ich zu dem Afrikaner. Ein Jahresumsatz macht sich nicht von allein, während der Chef des Unternehmens in einer vergilbten Ausgabe von „Das Kirchenjahr“ blättert! Der Afrikaner schweigt. Ich sage: Erst verwickelt dieser Kerl mich in ein Gespräch und lockt mich vor die Tür, dann spannt er, als es wieder zu regnen beginnt, seinen Regenschirm auf und sagt etwas, das in überhaupt keinem Zusammenhang mit meinem Jahresumsatz steht, er sagt: Ganz schön dunkel hier auf der Erde. Diesen lächerlichen Satz sagt er, statt mich darauf hinzuweisen, dass in genau diesem Moment die Tür meiner Agentur hinter mir zufällt, von draußen sehe ich mein plötzlich unerreichbar gewordenes, hell erleuchtetes und leeres Büro, und als ich mich wieder umdrehe, um den angeblichen Weihnachtsmann, der mich hinausgelockt hat, beim Kragen zu packen, ist er verschwunden. Ich zum Hintereingang, im Regen wird aus meinem hellblauen Hemd ein dunkelblaues, aus meinem gegelten Haar nasses, die echtledernen Sohlen meiner englischen Schuhe saugen sich voll mit echtem Wasser. Der Hintereingang gleichfalls geschlossen. Ein kleiner Zettel klebt von innen am Glas, auf dem stehen vier Zeilen:

Er wechselt mit uns wunderlich:

Fleisch und Blut nimmt er an

Und gibt uns in seines Vaters Reich

Die klare Gottheit dran.

Der Afrikaner setzt sich jetzt so, dass er seine Beine übereinanderschlagen kann. Ich sage: Um den Zettel zusammenknüllen zu können, hätte ich erst einmal ins Haus kommen müssen. Aber als ich mit einer Büroklammer, die in meiner Hemdtasche steckt, am Schloss herumzuwerkeln beginne, geht die Alarmanlage los. Gut, wenn die Polizei kommt, denke ich, aber in diesem Moment packt mich eine Hand von hinten und zieht mich ins Gebüsch auf dem Hof. Verlasse dich niemals auf den Regen! Niemals! Denn auch im Regen bewohnen die Banden die Höfe des Prenzlauer Bergs! Seit sämtliche Häuser des Viertels zentral verriegelt und die Straßen durch Polizeistreifen kontrolliert werden, haben die Einbrüche zwar abgenommen, aber die wilden Bewohner der Höfe und Grünanlagen, in der dritten Generation arbeitslos, vermehren sich unübersehbar, gründen Familien im Schutz der Blätter, kleiden sich, wenn sie nichts Anderes haben, in Kleider aus Bambusgras, das sie bei halsbrecherischen Klettertouren auf den Terrassen der Wohlhabenden erbeuten, sie schieben ihre Kinder in gestohlenen Einkaufswagen durch die Stadt, ernähren sich in der warmen Jahreszeit von weggeworfenen Eiswaffeln und während des Winters wohl auch vom Müll. Innerhalb von Sekunden bin ich nackt, ganz und gar nackt! Im Dunkeln kann ich nicht einmal sehen, wer meine Hose nimmt und wer mein Hemd, wer mein Unterhemd und wer die englischen Schuhe. Meine Unterhose blitzt zwischen den Büschen noch einmal auf, ach, hätte ich meine Agentur doch rechtzeitig ins elegante Neukölln verlegt! Eines ist klar, so kann ich der Polizei nicht unter die Augen treten. Stattdessen muss ich, im Laub versteckt, mit ansehen, wie die Hintertür meines Büros von zwei Polizisten kontrolliert wird, wie die Polizisten den Hof wieder verlassen, und die automatische Zeitschaltuhr die Rollläden meines Büros pünktlich um 23 Uhr herunterfährt. In meinem Zustand kann ich weder zu Fuß nach Haus gehen, noch ein Taxi rufen, Telefon und Schlüssel zu meiner Wohnung liegen jenseits auf meinem Schreibtisch. Ich friere.

Vielleicht wussten Sie nicht, sagt plötzlich der Afrikaner und blickt mich zum ersten Mal an, vielleicht wussten Sie nicht, dass Ostern als Werk des Sohnes gilt, Pfingsten als Werk des Heiligen Geistes, Weihnachten aber als das Werk des Vaters? Nein, das wusste ich tatsächlich nicht, sage ich und bin unendlich dankbar dafür, dass der Afrikaner, der seit etwa drei Stunden die Ausnüchterungszelle in der Unterführung des Ostbahnhofs mit mir teilt, endlich das Wort an mich richtet. Nein, sage ich, und denke an den großen Koffer in meinem Keller, in dem meines verstorbenen Vaters Skizzen zu vielen, der Menschheit unbekannt gebliebenen Erfindungen seit Jahrzehnten auf ihre Eröffnung warten. Lange schon war ich nicht mehr in dem Keller. Ist Weihnachten tatsächlich eine Erfindung? Oder eine Strafe? Vielleicht wissen Sie ebensowenig, sagt der Afrikaner, dass das Weihnachtsfest dem Sonnenjahr folgt und nicht wie das Osterfest dem Mondjahr? Nein, sage ich, tatsächlich, auch das war mir nicht bekannt. Ein Weilchen sitzen der Afrikaner und ich jetzt stumm da, während ich mit dieser Sonne hadere, die sich, so kurz vor dem ihr zugeeigneten Fest, eines nackten Weihnachtsagenten nicht erbarmt hat, der eines Nachts auf dem Hinterhof seiner Agentur fast erfroren wäre. Wenn dies das Lichterfest sein soll, warum ist die Nacht dann seit 2034 Jahren nicht überhaupt abgeschafft, das würde ich gern einmal wissen. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was es heißt, wenn ein Wort Fleisch wird, fragt der Afrikaner mich schließlich. Und ich antworte wahrheitsgemäß: Nein.

Wie ich aus dem Hinterhof entwich, zu Kleidung kam und schließlich gemeinsam mit ihm in dieser Ausnüchterungszelle gelandet bin, kann ich dem Afrikaner leider nicht mehr erzählen – denn in diesem Moment öffnet der Wachhabende die Tür, um uns zu entlassen. Beim Abschied steckt mein Zellengenosse mir noch einen Zettel zu und sagt: Wenn Sie nicht wissen wohin, können Sie gern bei uns übernachten. Dann verschwindet er in dem Gang, der zu den Bahnsteigen führt. Auf dem Zettel, den er mir gegeben hat, steht, wie ich mir schon hätte denken können, statt einer Adresse die dritte Strophe des Gedichts, das mich seit zwei Wochen verfolgt:

Er wird ein Knecht und ich ein Herr;

Das mag ein Wechsel sein!

Wie könnt’ es doch sein freundlicher,

das herze Jesulein!

Ich knülle den Zettel zusammen, werfe ihn fort und gehe.

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