BERLINER WEIHNACHTSMÄRCHEN : Letzte Chance für die Liebe

Ein Fortsetzungsroman mit vier Autoren und vier Folgen. Folge 1: Weihnachten – das Fest der Familie. Was, Sie haben keine? Macht nichts. Wozu gibt es Weinachtsagenten. Von Harald Martenstein

Weihnachten, Sie wollen wissen, was ich an Weihnachten mache? Ich arbeite an Weihnachten. Ich bin Weihnachtsagent. Sagen Sie bloß, Sie haben noch nichts von den Weihnachtsagenten gehört. Die Zeitungen waren doch voll davon, vor ein paar Jahren, als das mit uns anfing. Na gut. Ich erkläre es Ihnen.

Weihnachten ist ja heute ein schwieriges Fest geworden. Mit das schwierigste, würde ich sagen. Fest der Familie! Fest der Liebe! Da will man zusammen sein. Da will man Nähe. Da möchte man kuscheln und in gemeinsamen Erinnerungen rumwühlen. Nur, wer hat das heute schon? 65 Prozent Singles, 75 Prozent Einzelkinder, das sind die Zahlen hier in Berlin. Eine Zeitlang sind die meisten Leute immer zu ihren Eltern gefahren, da haben dann irgendwann sechzigjährige Kinder bei den neunzigjährigen Eltern unterm Baum gesessen, allesamt alt wie ein Baum, und auf allen Köpfen schimmerte es weiß. Weiße Weihnacht! Aber dadurch, dass die Leute, wenn überhaupt, sogar ihr Einzelkind heutzutage meistens erst in fortgeschrittenem Alter bekommen, wird das Feiern mit den Eltern immer schwieriger.

Unser kleines Büro liegt am Helmholtzplatz, rundherum sind nur Bars, Lofts und Lounges. Wir stellen für Weihnachten Familien zusammen. Sie kommen zu uns und sagen, hey, ich will an Heiligabend eine Ehefrau. Oder einen Ehemann. Soundso alt, Beruf, Aussehen, ich will drei Kinder, ich will eine liebe Oma, ich will fünf Schwestern und ich will einen Onkel, der lustig ist und Klavier spielen kann. Kein Problem. Das haben wir im Computer. Wir gleichen die Familien charakterlich ab, damit es, zumindest sehr wahrscheinlich, keinen Streit gibt, wir sorgen dafür, dass unsere Familie von den Essens- und von den Trinkgewohnheiten her zusammenpasst, vom Bildungsniveau und den politischen Ansichten her, und dass es ein paar Parallelen in der Biografie gibt. Wenn die alle mal in Amerika studiert haben, alle ein bisschen phlegmatisch sind und alle Vegetarier, die gerne Scrabble spielen, das ist dann schon fast der Idealfall. So eine harmonische Familienweihnacht würden sie, selbst wenn Sie tatsächlich noch eine Familie besitzen, auf natürliche Weise gar nicht hinbekommen. Das ist wie Skifahren in der Halle oder wie plastische Chirurgie, bigger than life.

Die Kinder sind natürlich am schwersten zu kriegen, aber wir haben da eine sehr gute Partneragentur in der Dominikanischen Republik. Die Kinder können alle mindestens „Mama“, „Papa“, „Jesuskind“ und „Danke“ sagen, dafür wird gesorgt. Sie können auch die totale Illusion buchen, dann schreibt uns ein namhafter Schriftsteller eine Familiengeschichte mit zahlreichen individuellen Details, zum Beispiel, wie sie ihren Partner damals kennengelernt haben, natürlich extrem romantisch, wo und wann sie sich im Urlaub beim Wandern mal verirrt haben, sie haben Beschreibungen von gemeinsamen alten Freunden, von überstandenen Krankheiten der Kinder, lauter Detailwissen, das man sich normalerweise in einer Partnerschaft erst mühsam erarbeiten muss. Wir pflanzen Ihnen das mit einem Chip ins Hirn, keine Angst, lokale Betäubung reicht. Einigen Kunden gefällt das so gut, dass die Paare auf der Basis dieser Story sogar noch ein paar Monate zusammenbleiben, manche feiern zusammen sogar noch ein zweites Weihnachten, das gibt es zum halben Preis. Aber danach trennen sie sich eigentlich immer, weil halt irgendwann doch die echte Persönlichkeit durchkommt, und dann sind sie desillusioniert.

Klar, es gibt auch Kritik. In der Presse stand über uns dieses abfällige Wort „One-Christmess-Stand“. Ich sage dann immer, ich erfülle ein Bedürfnis. Bedürfnisse sind nicht kritisierbar. Bitte sehr, feiern Sie halt mit ihren Freunden, sofern die nicht gerade aus Karrieregründen in Dubai sind, sofern Sie genügend alte Freunde haben oder sich Bekannte, die Sie seit vier Jahren hin und wieder zum Essen treffen, zu „alten Freunden“ schönschminken können. Wenn ihnen unsere Dienstleistung zu glatt und zu künstlich vorkommt, okay, wir können das auch ein bisschen aufrauen. Die Bioversion sozusagen, dann schicken wir Ihnen einen streitsüchtigen Onkel, der rechtsradikale Ansichten hat und starken Körpergeruch, dann wird es garantiert nicht langweilig, aber keine Angst, das bleibt alles im Rahmen. Sie kriegen ein Codewort, sobald Sie das Codewort zu dem Onkel sagen, mäßigt er sofort seine Ansichten und geht ins Bad, um sich ein frisches Hemd anzuziehen.

Wenn ich von unserer Filiale in Dubai komme und in Tempelhof einfliege, das ist meiner Ansicht nach der schönste Flughafen Europas, denke ich immer: Fantastisch, wie unser Berlin sich entwickelt hat. London ist nix dagegen. Berlin ist die jüngste und kreativste Stadt Europas, und eine der wirtschaftlich erfolgreichsten. Es wird natürlich trotzdem gemeckert. Das Paradies auf Erden ist Berlin sicher nicht. Die Alten leben alle alleine im Wedding, die Jungen leben alle alleine in Mitte, die Reichen leben alle alleine in Potsdam, da gibt es wenige Berührungspunkte und viel Einsamkeit, um nicht zu sagen traurige Schicksale. Deswegen gibt es unter anderem ja die Weihnachtsagentur, wir bringen die Menschen wenigstens ein Mal im Jahr zusammen. Zum Casten von unseren Omas und Opas bin ich manchmal im Wedding, der Wedding ist mit 85 Prozent über 65-Jährigen und davon 88 Prozent Singles eine internationale Sehenswürdigkeit geworden, das hängt mit den niedrigen Renten und den noch relativ niedrigen Mieten zusammen. Da fahren Busse mit arabischen Touristen durch, die filmen am liebsten die Parks und Sportplätze, wo lauter 90-Jährige joggen, zusammen mit ihren Pflegern an den Mülltonnen grillen oder Volksmusik machen, das finden die Araber drollig. Leider werfen die Alten oft Steine nach den Bussen. Na, viel Power steckt zum Glück nicht dahinter. Der Wedding ist wie die frühere Bronx von New York, nur in Alt.

Unsere Agentur ist 2025 gegründet worden, das heißt, es gibt uns schon ein Weilchen. Wir haben Routine, uns haut nichts um, da darf ruhig mal der Baum brennen oder die Biogans explodieren. Aber vor zwei Wochen ist etwas definitiv Seltsames passiert. Ein Mann kommt in die Agentur, Mittelalter, Bart, Brille, kleiner Bauch, Vollbild Lehrer, und sagt, dass er der Weihnachtsmann ist. Der echte. Er sagt, das geht so nicht weiter. Ob wir hier unten eigentlich denken würden, Gott sei senil und kriege nichts mehr mit. Weihnachten sei doch nur noch eine Farce. Keine echte Liebe. Simulierte Familien. Stress. Gott hätte beschlossen, Weihnachten abzuschaffen, die Menschen würden Weihnachten einfach vergessen und stattdessen im Sommer ein neues Fest feiern, Einachten, ein Fest, bei dem jeder 24 Stunden für sich alleine bleibt und eine ganze Nacht lang nur an sich selber, seine Befindlichkeit, seine Karriere, sein Image und seine Bedürfnisse denkt und sich feierlich einen lange gehegten Konsumwunsch erfüllt. Ich sagte, wie öde, um Gottes Willen. Der Weihnachtsmann sagte, ja, genau. Öde. Aber wir hätten noch eine Chance. Gott hätte beschlossen, dass er den Menschen das Fest der Liebe belässt, falls es gelingt, in einer modernen, hippen, superheißen, jungen Großstadt, also in Berlin, den wahren Geist der Weihnacht zu finden. „Sie sind mir empfohlen worden“, sagt der Typ. „Also, los, retten Sie Weihnachten.“ Ich antworte, dass ich im Prinzip jede Dienstleistung im Zusammenhang mit Weihnachten anbiete, aber dass ich nicht genau verstehe, was er mit dem „wahren Geist der Weihnacht“ meint. Wer oder was soll das denn sein?

Da geht’s schon los, sagt der Typ. Finden Sie es heraus.

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