Stadtleben : Berliner Weißer

Lichterfelder Trauben haben es geschafft: aus ihnen wurde Qualitätswein Auch in anderen Bezirken gedeihen Rebstöcke

Stefan Handke / Nana Heymann

Die alte Fachwerkvilla in der Lichterfelder Dürerstraße birgt ein doppeltes Geheimnis. Zu einem sieht man ihr nicht an, dass sich in dem Haus eine Schule befindet. Und zum anderen verdeckt sie den Blick auf einen kleinen Weinberg. In diesem stehen Lehrer Thomas Schreiner und seine Schüler. Die Max-von-Laue-Realschule ist gerade bei der Weinlese.

Im Jahr 2003 legte Schreiners 10. Klasse den Weinberg an, ein Weingut von der Mosel hatte die Weinstöcke gespendet. Seitdem sind die Schüler des mathematisch-naturwissenschaftlichen Kurses engagierte Weinbauern. Dazu gehört das Beschneiden der Reben genauso wie das Unkrautjäten und das Traubenpressen. Die Schüler bauen den roten Regent und den weißen Phönix an, zwei Rebsorten, die als schädlingsresistent gelten. Der Phönix soll nach Expertenmeinung ein feines Muskataroma haben, kräftig und vollmundig schmecken und mit frischer bis kräftiger Säure aufwarten. Immerhin hat der Lichterfelder Phönix-Jahrgang 2006 die amtliche Prüfung als „Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete“ bestanden und damit die Stufe der Tafel- und Landweine hinter sich gelassen. Eine amtliche Prüfnummer wie die im Handel erhältlichen Weine trägt er allerdings nicht: Lichterfelde ist von der EU nicht als Weinbaugebiet anerkannt.

Dabei kann Berlin auf eine vergleichsweise lange Tradition des Weinbaus zurückblicken. Schon 1770 wurden in der Nähe des Rosenthaler Platzes Reben angebaut, daran erinnert inzwischen nur noch der Straßenname: Weinbergsweg. Aber auch in Spandau, Friedrichshain und Köpenick gedeihten rote und weiße Weintrauben. Andernorts dienten die Terrassen lediglich der Zierde.

Wer heute in Berlin Reben anbaut, um amtlich Wein zu produzieren, muss seine Anlage an ein zugelassenes Weinanbaugebiet anschließen, so will es das Verwaltungsrecht. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf kooperiert etwa mit dem hessischen Landkreis Rheingau-Taunus. An den nördlichen Tribünenhängen des Stadions Wilmersdorf werden die Sorten Ehrenfelser und Weißer Riesling angepflanzt, die diesjährige Weinlese brachte 400 Kilo. Die wurden nun in Hessen zu knapp 300 Litern Saft gekeltert. Ausgeliefert wird die „Wilmersdorfer Rheingau-Perle“ nächstes Frühjahr.

Andere Bezirke stehen dem in nichts nach. Aus Kreuzberg kommt der „Kreuz-Neroberger“, in der Neuköllner Gartenarbeitsschule stehen die Reben für den „Rixdorfer Weinmeister“, und am Sachsendamm wachsen die Trauben für den „Schöneberger Nahefreund“. Nur im Ostteil der Stadt will die Weinproduktion nicht recht gelingen. Bislang gab es lediglich in Marzahn einen Versuch.

Stefan Handke / Nana Heymann

0 Kommentare

Neuester Kommentar