Biergarten : Lorettas neue Liebe

Umzug nach 27 Jahren: Der legendäre Biergarten am Wannsee hat ein neues Domizil gefunden – in Kohlhasenbrück.

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Bitte mit Seeblick. Seit 1981 war Stephanie Schade Chefin im „Loretta am Wannsee“, im vorigen Herbst war Schluss. Nun bedient sie die Ausflugsgäste am Teltowkanal. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Bitte mit Seeblick. Seit 1981 war Stephanie Schade Chefin im „Loretta am Wannsee“, im vorigen Herbst war Schluss. Nun bedient sie...

Der Kaffee schwappt beinahe über, so schwungvoll stellt sie den Pott auf den Teakholztisch. Dann lehnt sie sich zurück, lauscht dem Vogelgezwitscher und dem Brummen des Frachters, der sich vom Griebnitzsee in den Teltowkanal schiebt. Einen Moment durchatmen, sich über die Wellen freuen. Stephanie Schade lacht, wischt sich die schwarzen Ponyfransen aus der Stirn. Dabei wirkt sie keineswegs wie eine, die gerade einen herben Verlust erlitten hat. Gut 27 Jahre lang hat die 54-Jährige mit ihrem Mann „Loretta am Wannsee“ bewirtschaftet, Berlins größtes und berühmtestes Biergarten-Lokal. Dann gab es Konflikte mit dem Verpächter, im September mussten die Schades gehen – den Namen aber nahmen sie mit. Im Januar haben sie ein anderes traditionsreiches Gasthaus übernommen, es umbenannt und vor einer Woche wiedereröffnet: das „Loretta Kohlhasenbrück“.

Nun hat Berlin also zwei Lorettas – das „Loretta Kohlhasenbrück“ und das „Loretta am Wannsee“. Beide liegen nicht weit auseinander. Den Klassiker am Wannsee hat gleichfalls ein neuer Pächter übernommen und umgebaut. Der Biergarten für 1200 Gäste wird aber erst ab Ostern bewirtschaftet.

Doch welche der beiden Lorettas ist attraktiver? Vermisst die neue Wirtin Stephanie Schade in Kohlhasenbrück nicht doch ab und zu den lieb gewonnenen Ausblick von ihrer früheren Wirkungsstätte auf den Wannsee? Ein Panorama, das vor allem zu West-Berliner Zeiten Ausflüglerkarawanen anlockte. Klar, sagt sie, manchmal schon. Doch dafür schätzt sie hier andere Vorteile. Ihr jetziges Gasthaus, das einstige „Landhaus Söhnel“, ist ein Idyll an der Grenze zwischen dem Zehlendorfer Ortsteil Kohlhasenbrück und Babelsberg. Es liegt am Ufer des Teltowkanals, der hier gleich hinter dem Biergarten in den Griebnitzsee an der Kleinen Wannseekette mündet. Das „Loretta am Wannsee“ ist hingegen vom Kronprinzessinnenweg und der Potsdamer Chaussee umschlossen. Und es liegt eben doch ein gutes Stück vom Wasser entfernt.

Stephanie und Jörg Schades neuen Gasthof erreicht man von Wannsee aus über die Königstraße und Kohlhasenbrück. Von dort aus geht es weiter auf der Kohlhasenbrücker Straße über den Stölpchensee und schließlich auf der Neuen Kreisstraße durch den Wald – bis vor der nächsten Brücke über den Teltowkanal ein Schild zum „Loretta Kohlhasenbrück“ verweist. Kiefern und Birken bilden die Kulisse. Zwischen Ufer und Wald befindet sich der Biergarten mit 380 Plätzen, an den Kiosken gibt es Bratwurst, Steak und anderes Rustikales, à la carte kann man auch Hirschbraten oder Lamm ordern. Kinder schaukeln auf den Pontons des Ruderbootverleihs. Vom Gastraum aus blickt man durch die Fenster aufs Wasser. Das Lokal wurde komplett renoviert. Schließlich tritt das Gastwirtspaar eine wahrhaft fürstliche Nachfolge an.

Gegründet wurde das einstige „Landhaus Söhnel“ in den 30er Jahren vom „König von Kohlhasenbrück“, wie man dessen ersten Wirt Alfred Söhnel damals nannte. Er betrieb gleich neben dem Lokal auch eine Werft, deren Bootsschuppen bis heute dort stehen – und galt als der erfolgreichste Geschäftsmann im Ort. Söhnel starb 1990 mit 94 Jahren. Seine Nachfolger führten das Landhaus weiter, bis es Stephanie und Jörg Schade im Herbst 2009 pachteten. Fans ihres früheren Erfolgslokales am Wannsee werden am Teltowkanal so manche Reminiszenz entdecken. Ihr Mobiliar haben die Schades mitgenommen. Vom alten Team sind viele Kellner mit umgezogen.

Das „Loretta am Wannsee“ ist hingegen im Inneren kaum wiederzuerkennen. Edel wirkt es, mit viel Weiß und mediterranem Flair – aber urbayrischer Speisekarte. Der neue Pächter Steffen Kirchner, 39, betreibt auch das Ausflugslokal „Bürgershof“ am Griebnitzsee in Klein-Glienicke. Nun verspricht er am Wannsee eine „neue gastronomische Ära“. Den Erfolgsnamen hat er beibehalten. Für Loretta gibt’s kein Copyright. Schaut man auf den Ursprung in Berlin, so führt die Spur zu einer einstigen Baulücke an der Lietzenburger Straße in Wilmersdorf. „Loretta im Garten“ war dort dreißig Jahre lang einer der populärsten Biergärten der Stadt. Und wieso Loretta? Die Herkunft des Namens ist Legende. Loretta soll ein Wilmersdorfer Original gewesen sein. Eine Wirtin, die einst ihre Gäste selbst tief in der Nacht noch bekochte. Der erste Betreiber des „Loretta im Garten“, Klaus Wehler, eröffnete dann in den späten 70er Jahren einen Ableger – das „Loretta am Wannsee“. Familie Schade übernahm das Lokal 1981. Die grüne Oase in Wilmersdorf musste 2007 einem Hotelneubau weichen.

Stephanie Schades liebste Erinnerungen sind die Jahre bis zur Wende. „Da brummte der Laden.“ In Kohlhasenbrück wünscht sie sich nun alles „etwas persönlicher“. Mit Gänseblümchen hat sie die Tische geschmückt. Busladungen werde es wenige geben, sagt sie. Aber dafür kommen die Radler und Wanderer. Der Spazierweg entlang der Wannseekette führt direkt an ihrem neuen „Loretta“ vorbei.

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