Bilanz Rauchverbot : Das Luftprinzip

Seit einem Monat gilt das Rauchverbot – und es gibt sogar viele Wirte, die sich daran halten. Doch sie haben es schwer - die Stammgäste bleiben weg. Ein Kneipenbummel.

Werner Kurzlechner
Rauchen
Rauchverbot: Seit einem Monat ist das Qualmen in Kneipen verboten. -Foto: ddp

Das Rauchverbot in Kneipen dürfte unter Berlins Wirten kaum leidenschaftlichere Anhänger haben als Tolgay Özcetin. Spricht man den Betreiber der Cocktailbar „Más y más“ an der Oranienstraße darauf an, wird der 31-Jährige drastisch. Am Morgen nach der Arbeit habe er sich oft verkatert gefühlt, als ob „ich einen Eimer Wodka getrunken hätte“. Und Schuld daran sei der Qualm gewesen. Dabei war Özcetin zehn Jahre lang selber Raucher, besiegte das Laster nach langem Kampf: Nikotinpflaster, Kaugummis, Akupunktur – alles hat er versucht, kurz aufgehört, wieder angefangen. Seit drei Jahren ist er nun Nichtraucher, besser: Passivraucher. Özcetin kratzt an der Kerze vor ihm auf dem Tisch. „Das eine Mal fällt kaum auf. Aber kratzt man ständig, werden die Schäden offensichtlich.“ Özcetin frohlockte, als das Nichtraucherschutzgesetz in Kraft trat. Seine Bar wurde qualmfrei. Doch mittlerweile überlegt er, die Aschenbecher wieder auszupacken. Zu viele Stammgäste bleiben weg, weil anderswo geraucht werden darf.

Hört man Özcetin zu, der über Umsatzeinbußen von einem Drittel klagt, und bummelt dann über die Oranienstraße, erscheint das für ein halbes Jahr nicht sanktionierte Gesetz als Rohrkrepierer. „Wir gehören zu den wenigen, die sich daran halten“, sagt Özcetin. Auch nebenan im Café „Ali Baba“ ist die Zigarette verpönt. Nach den Folgen fürs Geschäft gefragt, breitet der Barkeeper seine Arme aus. Der Laden ist voll, will er sagen. Das gilt aber auch für die vielen anderen Kneipen und Clubs an der Oranienstraße, in denen gequarzt wird wie eh und je. Ob im punkigen „Franken“, im „Bierhimmel“ oder im „Cake“: Die Gäste lassen sich die Kippe nicht vergällen und die Wirte tolerieren das. Nicht immer freiwillig: „Wir wollten die Pioniere am Platz sein“, sagt Orhan Derya, der im „Bateau Ivre“ kellnert. Zwei Wochen setzte das Lokal das Rauchverbot durch und vollzog dann die Kehrtwende. In der rauchfreien Periode kamen sehr wohl auch neue Gäste. Doch die „mittigen“ Nichtraucher tranken weniger, die Atmosphäre kippte. „Es wurde langweiliger und austauschbarer“, sagt Derya. Nicht nur der Umsatz litt, man bangte ums eigene Flair.

Nicht nur in Kreuzberg verpufften gute Vorsätze: „In den Eckkneipen wird munter weiter geraucht“, sagt Klaus-Dieter Richter, Vizepräsident des Hotel- und Gaststättenverbandes. Er spricht von „Wettbewerbsverzerrung“ und berichtet von einem gesetzestreuen Wirt in Köpenick, der wegen Publikumsschwunds um seine Existenz kämpft. Richter kennt aus seinem privaten Umfeld mehrere solcher Fälle, auf Verbandsebene dringen kaum Klagen über die Situation durch: „Keiner will zugeben, dass es schlecht läuft.“ Ob die Umsätze wegen der neuen Regelung insgesamt zurückgegangen sind, lässt sich laut Verband im saisonbedingt lauen Monat Januar schwer feststellen. Einen nennenswerten Zulauf an Nichtrauchern verzeichnet die Branche nicht. „Das ist totaler Quatsch“, sagt Richter. Der Verband hofft einerseits, dass über von ihm unterstützte Verfassungsklagen gegen Antirauchregelungen in verschiedenen Ländern eilig entschieden wird. Andererseits versucht man, unliebsame Details zu beseitigen – etwa das Verbot, in erlaubten Raucherräumen zu bedienen.

Wie tief gesetzeskonforme Nichtraucherkneipen im Schlamassel stecken, schwankt von Kiez zu Kiez. Am Savignyplatz in Charlottenburg haben sich Wirte und Gäste mit der Lage abgefunden. Raucher müssen nicht in der Kälte frieren, sondern flüchten in den „Zwiebelfisch“ oder ein paar Meter weiter in die Bar „Faces“. Deren Betreiber Rüdiger Knauth führt den Kulturkampf offensiv und warnt mit einem auf eine Tafel gezeichneten Totenkopf vor dem Betreten seines Exils für die Süchtigen. Der Barkeeper im „Hefner“ wiederum freut sich über die gute Luft am Arbeitsplatz und darüber, dass er schon eine Mutter mit Baby begrüßen durfte. An einem Mangel an Gästen leidet die Lounge nicht. Ein Gast aus Hessen wundert sich darüber, dass die neue Regelung in Berlin noch nicht durchgesetzt wird: „Bei uns halten sich alle dran.“

Wie am Savignyplatz werden auch im Friedrichshainer Kneipenviertel an der Simon-Dach-Straße die Reviere abgesteckt. Das schwul-lesbische „Himmelreich“ genießt beispielsweise den paradiesischen Vorteil, dass es schon über zwei klar getrennte Räume verfügt. In Einklang mit dem Gesetz qualmen hinten die Raucher, die Nichtraucher schlürfen ihre Drinks unbehelligt von Schadstoffen. Vor der „Dachkammer“ trotzen zwei Raucherinnen der Winterkälte. Vorläufig darf hier niemand rauchen, aber ein Umbau ist geplant. Im „Conmux“ ist der Seitenraum rauchfrei, rund um den Tresen ist die Zigarette wieder en vogue. Ein paar Tage probierte man es komplett ohne blauen Dunst, aber das alternative Publikum blieb weg. Ein Kellner findet die Wende rückwärts in Ordnung. „Das Rauchen gehört einfach zur Kneipenkultur dazu.“ Tolgay Özcetin in Kreuzberg wird das wohl anders sehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben