Stadtleben : Bild dir seine Meinung

Kabarettist Serdar Somuncu verulkte einst „Mein Kampf“. Nun ist die größte Boulevardzeitung dran

Sebastian Leber

Man kann viel anstellen mit einer „Bild“-Zeitung. Zum Beispiel laut daraus vorlesen und dabei die Personen aus zwei nebeneinanderstehenden Artikeln vertauschen. Dann sitzt der süße Christian Klar im Käfig und tausende Berliner wollen ihn sehen, während Horst Köhler entscheiden muss, ob Eisbär Knut begnadigt werden soll. Man kann die „Bild“-Zeitung aber auch einfach nur loben. Das macht Serdar Somuncu besonders gerne, weil die Leute genau das am wenigsten erwarten. Weil sie doch denken, er reiße das Boulevardblatt in Stücke.

Serdar Somuncu, 38, deutscher Kabarettist mit türkischen Wurzeln, schockt das Publikum gerne. Er nennt sich selbst einen „Quotenkanaken“, damit sich alle schlecht fühlen. Und er wütet auf der Bühne darüber, dass kein Deutscher seinen Namen aussprechen könne. „Somundschu heißt es, nicht Somunku, verdammt.“ Wenn das Publikum lacht, brüllt er: „Konsens-Gekicher will ich hier nicht haben“. Das wird Sonntagabend nicht anders sein, wenn er bei den Wühlmäusen zu Gast ist.

Bekannt wurde Somuncu in den 90ern, als er auf eine ungewöhnliche Lesereise ging. Er las aus Hitlers „Mein Kampf“, machte sich über die Propagandaschrift lustig. Später trug er Goebbels’ Sportpalastrede vor, ebenfalls hochironisch. Mehrmals wurden Shows von Nazis gestört. Jetzt hat Somuncu die „Bild“-Zeitung für sich entdeckt. Bei jedem Auftritt schlägt er die aktuelle Ausgabe auf und assoziiert und kommentiert wild drauflos. Wenn er lobt, will er zeigen, wie „clever die Zeitung gemacht ist, wie die Kampagnen funktionieren und wie Meinung vorgegeben wird“.

Letztens war er in Hamburg in der „Bild“-Redaktion zu Gast, im „Pantheon des deutschen Schmierenjournalismus“, wie er sagt. Kai Diekmann hatte ihn eingeladen, eine Ausgabe der Zeitung in der Morgenkonferenz zu bewerten. Das tat er gewohnt bissig, die Redakteure haben geklatscht. Diekmann sei ebenfalls sehr nett gewesen. Nur Somuncus Nachnamen habe er falsch ausgesprochen.

Im Herbst will Serdar Somuncu ein Buch veröffentlichen: die Biografie seines Vaters, der aus einem abgelegenen türkischen Dorf nach Deutschland kam. Das wird mit Sicherheit auch nicht politisch korrekt. Sebastian Leber

Das Programm beginnt am Sonntag um 20 Uhr. Es gibt noch Karten ab 20 Euro unter www.berlin-ticket.de.

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