Bildband und Ausstellung : Die Fans von Union und vom BFC

Ultras, Kutten, Hooligans: Der Berliner Fotograf Harald Hauswald legt einen großartigen Bildband zur Ost-Berliner Fußballkultur vor - und lädt auch gleich noch zur Ausstellung.

Markus Hesselmann
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Union-Fans. Alte Försterei, 1988.Foto: Harald Hauswald

Manfred Ewald hat es gewusst: "Fußball hat sein besonderes, eigenes Gewicht, bei ihm wirken oft Individualismus und Fanatismus stärker als Disziplin und Vernunft", sagte der oberste Sportfunktionär der DDR einmal halb fatalistisch, halb fasziniert. Das weise Wort des einstigen Chefs des Deutschen Turn- und Sportbundes und bekennenden Schalke-Fans unterstützt quasi aus erster Hand die These, dass totalitäre Staaten mit dem Fußball nicht allzu viel anfangen können.

Zumindest die deutschen nicht. Denn das war in der DDR so und auch bei den Nazis. Fußball ist schwer planbar, eignet sich mit seinem wenig athletischen Ensemble nicht für Neuer-Mensch-Fantasien oder Turnfest-Tableaus - und hat eine Anhängerschaft, die gern aus der Rolle fällt.

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Union-Fans. In Karl-Marx-Stadt, 1988.Foto: Harald Hauswald

Bunt, abenteuerlustig, subversiv


Der Berliner Fotograf Harald Hauswald hat diese bunte, abenteuerlustige, subversive Szene anhand der beiden Berliner Vereine BFC Dynamo und 1. FC Union dokumentiert. In seinem jetzt im Jaron Verlag erschienenen Buch "Ultras Kutten Hooligans. Fußballfans in Ost-Berlin" legt er seine besten Bilder zu diesem Thema vor: Die fanatische Begeisterung in der Masse wie in den einzelnen Gesichtern, die Gewalt auf den Rängen und rund um das Stadion, die sonst so offiziell blickenden Volkspolizisten, denen die Gesichtszüge entgleiten, weil sie das Grimassenschneiden und Rumgeturne einiger Union-Fans für Hauswalds Kamera nun doch auch persönlich lustig finden.

Gewalt ohne Glamour

Dem billigen Stilmittel Chronologie entzieht sich Hauswald. Er zeigt keine Entwicklung auf, er dokumentiert - kunstvoll, aber nicht ästhetisierend. Die Gewalt hat keinen Glamour in seinen Bildern. Sie kommt lakonisch daher, ist Teil dieser Szene. Das Urteil darüber bleibt dem Betrachter überlassen.

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BFC-Fans. In Magdeburg, 2000.Foto: Harald Hauswald


Nach demselben Prinzip stehen hier Union-Bilder neben BFC-Bildern, bunt durcheinander. Es gibt nicht hier die Guten, die Fußball-Dissidenten (Union), und dort die Bösen, die Fan-Kohorten der Stasi (BFC). Oder nach der Wende: Hier die Linken, dort die Neonazis. Glatzen sind auf beiden Seiten zu sehen, genauso wie lange Haare.

Der begleitende Text von Frank Willmann, der über beide Vereine bereits Bücher geschrieben hat sowie zuletzt das Fankulturbuch "Stadionpartisanen", zerstört lustvoll die Klischees über Union und den BFC.


Ostalgie- und nostalgiefrei

Das Buch hat weder mit Ostalgie noch mit Fußball-Nostalgie was zu schaffen. Bilder von 1988, dem Jahr, in dem diese großartige Fotoreportage einsetzt, stehen neben Bildern von 2008. Mit der Wende hat Hauswald das Interesse am Fußball-Sujet nicht verloren.

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Union-Fan. Alte Fösterei, 2008.Foto: Harald Hauswald

Dabei sei er selbst gar kein richtiger Fan, sagte Hauswald am Freitagabend bei der Eröffnung einer Ausstellung seiner Fußballbilder in der Galerie December in Prenzlauer Berg. "Ich schaue mir Länderspiele an, die großen Turniere." Aber natürlich habe er durch diese Arbeit auch stärker zu den beiden großen Ost-Berliner Vereinen und ihren Fans gefunden.

Harald Hauswald/Frank Willmann: Ultras Kutten Hooligans. Fußballfans in Ost-Berlin. Jaron Verlag, Berlin 2008. 120 Seiten, 14,90 Euro. Ausstellung in der Galerie December, Greifswalder Straße 217, Prenzlauer Berg, vom 17. Oktober bis zum 21. November. www.december-1th.de.

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