Blick auf die Szene : German Elite mit Konfusionsfrisuren

Unter dem Pseudonym "Wash Echte" beobachtet ein englischsprachiger Neu-Berliner die hippe Szene – und provoziert mit Erfolg.

Björn Rosen
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Hipster hinter Glas. Immer unter (Selbst-)Beobachtung: Besucher der Kneipe Schwarz-Sauer in der Kastanienallee Prenzlauer Berg. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der Mann ist eine Art Völkerkundler. Doch während andere Ethnologen die Ureinwohner des Regenwalds beobachten, hat sich der englischsprachige Blogger, der sich hinter dem Pseudonym „Wash Echte“ versteckt, eine weniger exotische Spezies ausgeguckt, deren Gebräuche und Rituale er bis ins Detail studiert – und treffend beschreibt: die der jungen, trendbewussten Hauptstädter. Das Ergebnis ist ein amüsantes Internet-Tagebuch, das unter dem Titel „Ich werde ein Berliner“ daherkommt wie eine Gebrauchsanweisung für zugezogene Ausländer, die möglichst rasch zum hippen Teil der Bevölkerung gehören wollen.

In Wahrheit macht sich „Wash Echte“ natürlich lustig über die Sitten derer, die er als „elite Germans“ bezeichnet – von ihrer Abneigung gegen Fernsehen, Karriere und Kapitalismus bis zu ihrer Vorliebe für Bionade, abwegige Reiseziele, verranzte Programmkinos, Altbauten und „confused dark-haired girls“ (Charlotte Roche, Nina Hagen, Sarah Kuttner). Mit Erfolg: Innerhalb kurzer Zeit hat sich der Blogger eine stattliche Fangemeinde erschrieben, seit dem ersten Eintrag im November 2008 zählte die Seite schon weit über 100 000 Besucher.

„Wash Echte“ nennt sich der Unbekannte in lustigem deutsch-englischen Kauderwelsch, weil er den Ausdruck „waschechter Berliner“ so gerne mag. Witzig ist etwa sein Eintrag zum Thema Weihnachten. Das Fest sei für Hipster heikel, schreibt er. Denn „zu keinem Zeitpunkt ist der Unterschied größer zwischen dem Bild, das sie abgeben möchten, und der Realität. Die Faustregel lautet: Je künstlerischer, großstädtischer und unkonventioneller ein Deutscher erscheint, desto provinzieller und konservativer ist seine Familie. Zurück in der Heimat, gehen Deutsche drei Tage durch die Hölle – weil man so abscheulich nicht-hippe Dinge von ihnen verlangt, wie Computer zu benutzen, die nicht von Apple hergestellt wurden.“

Die vielen Kommentare, die Besucher auf seiner Seite hinterlassen, kann man in drei Kategorien einteilen. Da sind die in Deutschland lebenden Ausländer, die dem Blogger meist euphorisch zustimmen. Dann gibt es die Einheimischen, die sich ertappt fühlen, aber versuchen, es mit Humor zu nehmen. Oft entschuldigen sie sich erst für Berlin, um die Stadt und ihr Land in einem Halbsatz doch wieder zu verteidigen. Und dann gibt es noch jene, gar nicht mal so kleine Gruppe Deutscher, die sich von „Wash Echte“ provoziert fühlen und ihn auffordern, zurück nach Amerika zu gehen.

„Dass sie automatisch glauben, ich sei aus den USA, sagt viel über sie aus“, meint „Wash Echte“. Denn er ist gar kein Amerikaner – diese Information gehört zu dem wenigen, was der Blogger von sich preisgibt. In einem Chat-Interview verrät er nur so viel: Englisch sei seine Muttersprache, er sei 28 Jahre alt und beschäftige sich auch beruflich mit dem Internet. Angeblich arbeitet er im Berliner Büro einer international agierenden Firma – nachprüfen lässt sich das nicht. „Ich lebe mit Unterbrechungen seit 2002 hier.“ Er sei bewusst nach Berlin gekommen, weil die Stadt bei vielen im Ausland als Zentrum der Welt gelte. Zu Unrecht, wie „Wash Echte“ findet. „Berlin hat ein großes Ego, aber dahinter ist wenig Substanz; man will hipper sein als alle anderen, ist bei Trends aber spät dran.“

Die Geschichte Berlins findet „Wash Echte“ faszinierend. Aber die Hipster hier seien noch oberflächlicher als die in anderen Städten, es fehle ihnen noch stärker an Reflektion. Sie würden sich etwa total ökologisch geben und kauften dann doch alle bei Aldi. „In anderen großen Städten kann man zwischen verschiedenen ,Szenen‘ wählen, in Berlin fühlt es sich so an, als sei jeder anders – in genau der gleichen Weise.“ Und alle wollen vor allem eins: dazugehören.

Dazugehören will aber wohl auch „Wash Echte“. Denn er lebt selbst in einem sogenannten Szeneviertel (in Friedrichshain) und verbringt seine Freizeit nach eigener Aussage „fast ausschließlich mit Hipstern“. Das dürfte – neben handfesten Drohungen durch Leser – der Hauptgrund sein, warum er anonym bleiben möchte. Nur seine Freundin weiß über den Blog Bescheid, Freunde und Bekannte sind ahnungslos. Ist er feige? Oder ein Spion? Oder beweist er einfach Selbstironie? „Irgendwie bin ich Teil des Ganzen, mich verbindet eine Hassliebe mit all den Leuten in Friedrichshain-Kreuzberg“, sagt er. „Die Witze auf meinem Blog sind insofern immer auch Witze über mich.“

Das Tagebuch zum Nachlesen: www.ichwerdeeinberliner.com

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