Blick nach Innen : Recession Fashion

Wer hat noch die Nerven, sich in den kargen Zeiten ernsthaft mit goldenem Chanel-Logo auf der Brust sehen zu lassen? Die Zeit des Angebens ist vorbei. Wir befinden uns bereits in der "Post-Show-Off-Era".

Esther Kogelboom

Neulich in einem Restaurant, eine schöne Frau betritt den Raum. Ihre Beine stecken in hautengen schwarzen Lederleggings, dazu trägt sie einen voluminösen schwarzen Pullover, um die Taille einen breiten Gürtel. Alle sind elektrisiert.

So funktioniert Mode: unmittelbar, ohne genau zu wissen warum, verknallt man sich kraftvoll in eine schon mal dagewesene Idee. Frauenmagazine haben für diesen Reflex den verachtenswerten Terminus „Habenwollen“ erfunden – den allumfassenden Schlachtruf der globalen Highstreet.

Habenwollen: Alles Glück hängt plötzlich an einer simplen schwarzen Lederleggings, wie sie jeder an Udo Lindenberg schon 1000 Mal gesehen hat. Lange Beine, kurze Beine, Elefantenbeine, Spindelbeine – alle streifen die zweite Haut plötzlich über, als gebe es eine geheime Verabredung, eine Art Flashmob der Mode.

In den Filialen der großen Ketten hängen nur noch Exemplare in XL an den Strumpfständern. Ist doch eigentlich total egal, ob es sich um Leder handelt oder Lederimitat, Hauptsache, andere Haut. Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm’ nur viel zu selten dazu!

Die berühmte Modekolumnistin Suzy Menkes erklärte in der International Herald Tribune vergangene Woche erst, dass die Ära des Angebens nun endgültig vorbei sei und dass wir uns bereits mitten in der „Post-Show-off-Era“ befinden.

Tatsächlich: Neue Labels wie das des New Yorkers Umit Benan drucken ihre Etiketten Weiß auf Weiß – eine Bewegung, die das große goldene Doppel bling der Hip-Hop-Kultur auszulachen scheint.

Umit Benan zum Beispiel hat eine Herrenkollektion gemacht, für die er seine durchaus hochwertigen Stoffe einfach umgekehrt und die Außenhaut ins Innere verlegt hat. Die Botschaft: Was innen passiert, ist das, worauf es ankommt.

Wer hat noch die Nerven, sich in den kargen Zeiten von Recession Fashion ernsthaft mit goldenem Chanel-Logo auf der Brust sehen zu lassen?

Bescheidenheit als neues Distinktionsmerkmal, das kann auch ziemlich elektrisierend sein. Bestimmt finden sich in den Untiefen des Kleiderschranks verloren geglaubte Schätzchen, die nur darauf warten, vom sympathischen Änderungsschneider an der Ecke zu echten Vintage-Unikaten umgearbeitet zu werden.

Und wenn Bescheidenheit die neue Zier ist, braucht man ja auch sonst kein Accessoire mehr – halt höchstens eine schwarze Lederimitatleggings von Vero Moda und eine dieser unfassbaren neonfarbenen Mosai ksturmhauben von Starstyling oder jene ganz bestimmt bedruckte Ethno-Bluse von A.P.C. … Esther Kogelboom

Die Zeit des Angebens ist vorbei. Wir befinden uns bereits in der „Post-Show-Off-Era“.

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