Bohème-Sauvage-Partys : Mit Charme und Scheitel

Inga Jacob veranstaltet Feste im 20er-Jahre-Stil. Wer Einlass erhalten will, muss vorher meist zum Kostümverleih.

Ute Zauft
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Erinnerung an verruchte Zeiten. Das Outfit muss stimmen, wenn sich 20er-Jahre-Fans treffen. -Foto: David Heerde

BerlinZur Begrüßung gibt es etwas „Koks der reichen Leute“. In den Goldenen Zwanzigern war das Wodka, und der war fast unbezahlbar – Kokain gab es damals als Schmerzmittel in der Apotheke. Authentizität ist eben das oberste Gebot bei den monatlichen „Bohème Sauvage“-Partys der „Gesellschaft für mondäne Unterhaltung“. Gastgeberin Else Edelstahl versetzt hier ihre Gäste in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Und die legen großen Wert auf stilsicheres Erscheinen: „Junger Mann, Sie hier? Was für eine Überraschung!“ Ein Mittzwanziger in Anzug und mit reichlich Pomade im Haar klopft seinem Nachbarn mit einem beschlagenen Gehstock auf die Schulter. Das Frollein daneben begrüßt er mit Handkuss. Ihre Lippen sind tiefrot geschminkt, ihre Augen schwarz umrandet. Auf den Festen von Else Edelstahl siezen sich Berliner Szenegänger plötzlich. Zwanzigjährige tauschen ihre Röhrenjeans gegen rückenfreie Paillettenkleider und Federboas. Elegant halten die Damen Zigarettenspitzen in ihren behandschuhten Händen. Das Outfit ist entscheidend, in Jeans und T-Shirt gäbe es für niemanden Einlass. Im E-Mail-Newsletter gibt die Gastgeberin vorsorglich die Adressen eines Kostümverleihs an. Sie selbst trägt Herrenweste und hat ihre blonden Haare in Wellen gelegt.

Früher hat die 26-Jährige, die eigentlich Inga Jacob heißt, bei sich zu Hause zum Salon geladen. Die Wände ihres WG-Zimmers hatte sie mit Stofftapete bezogen, in den Ecken standen Art-DécoSpiegel. Mit der Zeit aber kamen immer mehr Freunde und Bekannte, um sich für einen Abend in die Rolle einer verruchten Diva oder eines galanten Gigolos zu versetzen. Dazu reicht das Wohnzimmer längst nicht mehr. Die Feste finden heute an verschiedenen Orten statt.

Jacob reizte das „Verruchte“ an der Zeit um die Jahrhundertwende und zwischen den beiden Weltkriegen: „In Berlin herrschte damals Endzeitstimmung, es wurde extrem gefeiert.“ Jacob hat kurzzeitig Skandinavistik studiert, heute organisiert sie die Partys mit ihrer Event-Agentur in ihrem Wohnzimmer – Spezialgebiet Kostümfeste.

George – „mit weichem ,sch‘ gesprochen“ – hat sich früher für mittelalterliche Ritterspiele interessiert. Heute trägt er Frack und den Zylinder seines Urgroßvaters. Dass der etwas zu klein ist und schief auf seinem blonden Pferdeschwanz sitzt, scheint ihn nicht zu stören. „Wenn man hier einen Korb bekommt, dann bekommt man ihn mit Stil“, sagt er und schlägt die Beine übereinander. Aus dem Separee hinter ihm dringt Gekicher durch die Vorhänge aus fließendem Samt.

Für die Dekoration der Veranstaltungsorte braucht Inga Jacob mit ihren Freunden schon mal eine ganze Nacht. Anschließend sind die Wände mit parfümierten Stoffbahnen verhangen, hinter der Bar stehen Kerzenleuchter, an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos aus vergangenen Zeiten. Ein Billett kann man für zwölf Euro erwerben, im Austausch erhält man am Eingang 30 Millionen Reichsmark. Dafür gibt es Absinth oder Zigarillos beim Bauchladenmädchen zu kaufen. Dieses kann man übrigens auch bitten, einen geheimen Liebesbrief auszutragen. Oder man haut die inflationären Millionen einfach bei einer Runde Black Jack oder beim Roulette auf den Kopf. Auf dem Tanzparkett läuft Musik der 20er bis 40er Jahre: Swing, Charleston und Tango.

Estella von Breitenstein ist mit ihrer ganzen WG gekommen. Ihre Freundinnen sprechen sie mit „Chérie“ an, sie spielt mit den Perlenketten, die um ihren Hals hängen. George schlingt seinen Arm um eine geheimnisvolle Schöne in langem Abendkleid. Der Zylinder sitzt noch schiefer als zuvor, aber trotzdem wirkt er irgendwie elegant.

Die Bohème Sauvage No. 17 findet am 24. November ab 23 Uhr im Oxymoron, Hackesche Höfe, Rosenthaler Str. 40/41 statt, Eintritt: 12 Euro. Infos unter www.boheme-sauvage.de

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