Bootsausflug : Smoke on the water

Picknick im Park war gestern. Heute sticht man mit dem Grillboot in See. Im Treptower Hafen kann man sie mieten - ausgerüstet mit Schirm, Rost und Elektroantrieb. Eine Testfahrt mit Bratwurst und Wellengang.

Philipp Hauner
Grillboot
Bratwurst, ahoi. Grillboot zum chillen und grillen. -Foto: Thilo Rückeis

Amanda wankt. Eine Sekunde lang, die länger wirkt als sie ist, rudert sie wild mit ihren Armen. Dann fällt sie nach vorne, prallt mit voller Wucht auf den Rücken ihres Freundes. Mani zuckt zusammen, das Boot wackelt. Wellen klatschen laut gegen den Holzsteg. Jetzt sitzen beide auf der runden Bank, die einen Tisch mitsamt Grill umspannt und begutachten Berlins neue Sommerattraktion: das Grillboot. Seit fast drei Monaten gleiten die 3,60 Meter durchmessenden Wassergefährte wie überdimensionale Curling-Steine über Spree und Müggelsee. Und sie laufen immer häufiger aus.

Amanda freut sich über den gedeckten Tisch: „Das ist wie im 5-Sterne-Restaurant!" Auf roten Servietten liegt blitzendes Besteck, Barbecue-Saucen stehen bereit, Gläser und Teller ruhen in den für sie vorgesehenen Mulden – „damit bei stärkerem Wellengang nichts aus den Fugen gerät“, sagt Rumid Masche vom Grillboot-Verleih, während er den Grill anwirft. Amanda schneidet Zucchinis und Auberginen in lange Streifen, ihr Freund legt derweilen die Bio-Bratwürste auf.

Dann bekommen die beiden letzte Anweisungen zum Elektro-Außenbordmotor erteilt: „Hier ist der Rückwärtsgang, so gehts vor“, demonstriert Masche mit wenigen Handgriffen, „und wenn man einen Zahn zulegen will, einfach hier drehen. Alles klar?“ Die Passagiere nicken verunsichert. Der Instrukteur springt auf den Steg, löst die Leinen und ruft dem Boosteam zu: „Seerosenteppiche bitte umschiffen! Und dran denken: Alles, was größer ist als ihr, hat Vorfahrt.“ Es geht los. Doch kaum hat sich das Boot ein paar Zentimeter vom sicheren Land entfernt, bricht an Bord Panik aus: Amandas Augen weiten sich, wie in Zeitlupe fährt sie ihren rechten Arm aus, dann ihren Zeigefinger. „Ein Kutter! Er steuert direkt auf uns zu!“ „Und wir auf ihn!“, ruft Mani. Wären die beiden Boote nicht mit einer geschätzten Geschwindigkeit von einem Knoten unterwegs, so hätten Amanda und ihr Freund gut getan, schnell die Rettungswesten hervorzukramen. Doch die Kollision bleibt aus.

Jetzt kann es endlich wirklich losgehen, unter der Abteibrücke hindurch und an der Insel der Jugend vorbei. Raus, raus auf die offene Spree! Doch Ruhe an Deck ist noch lange nicht: Baumstümpfe tauchen wie aus dem Nichts aus dem Wasser auf, und die Äste von Trauerweiden senken sich bedrohlich weit herab. Und dann passiert es: Der Sonnenschirm schrammt am Astwerk entlang, es knarzt, der Schirm krümmt sich. Rindenstücke rieseln in den Kartoffelsalat. Amanda ist entsetzt, Mani entschuldigt sich fürs schlechte Navigieren: „Das Boot ist so rund, da weiß man gar nicht, wo vorne und hinten ist.“

Endlich wird es ruhiger. Das Steuern klappt. Der Grill glüht. Das Fleisch wird gar. Amanda tischt die goldbraunen Bratwürste und das gegrillte Gemüse auf. Mit einem Zuprosten beginnt sie das Essen: „Auf das Boot!“ ruft Amanda, und es entspinnt sich eine Fachsimpelei über die Vorteile des Grillboots: Mit geschickten Manövern könne man gut vor Regenwolken ausweichen. Und natürlich spare man Zeit, weil man gleichzeitig grillen und Bötchen fahren kann. Multitasking eben.

Dazu zählt auch, vom Ufer herübergerufene Fragen zu beantworten. Eine französische Touristengruppe will etwa wissen, ob man das Fleisch selber kaufen musste. Ein Junge ruft lauthals: „Wie geil, wo kann man das mieten?“ Mani gibt geduldig Auskunft. Als er am Spreeufer entlang des Treptower Parks zum Hafen zurückfährt, kann er Pärchen sehen, die aufhören, sich zu küssen, oder alte Frauen, die von ihren Kreuzworträtseln ablassen. Alle starren sie dem Grillboot hinterher. Einige machen schnell ein paar Fotos. Verstecken kann man sich im orangefarbenen Ding jedenfalls nicht.

Kurz vor dem Anlanden noch einmal Action: Ein fünfzig Zentimeter hoher Wellenberg rollt auf das Boot zu. Die Saucen schwappen, und die Funken sprühen, doch nichts gerät durcheinander. Dann zieht Mitarbeiter Masche das Grillgefährt auch schon mit einer langen Stange an den Steg. „Wie war‘s?“ ruft er. Amanda muss lachen. „Wie Smoke on the Water.“

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