Botanischer Garten : Der Urwald kehrt zurück

Palmfarne, Leberwurstbaum und andere sensible Gewächse schlagen neue Wurzeln im Großen Tropenhaus. Nach drei Jahren Sanierung feiert der Botanische Garten im September die Wiedereröffnung.

Thomas Loy
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Frischer Glanz. Die mehr als 100 Jahre alten Stahlträger wurden gereinigt und mit neuem Korrosionsschutz versehen.

Der Sandbüchsenbaum aus Südamerika hat nur noch drei Äste am Stamm, Steriphoma paradoxum aus Mexiko lässt die Blätter hängen und der Leberwurstbaum, die Patenpflanze der Berliner Fleischer-Innung, sieht reichlich zerzaust aus. Immerhin, sie leben noch. Nach drei Jahren Exil sind die 4000 Pflanzen des großen Tropenhauses im Botanischen Garten zurückgekehrt. Noch erholen sie sich, strecken ihre Wurzeln in den neuen Nährboden, im September ist dann die große Party zur Wiedereröffnung des weltweit einmaligen Hauses nach einer grundlegenden Sanierung.

Michael Krebs stehen noch Sorgenfalten auf der Stirn. Er ist der Sanierungsbeauftragte und damit verantwortlich für das Gelingen dieses Großexperiments. In den widrigsten Szenarios rechneten die Gärtner mit dem Verlust von 50 Prozent der empfindlichen Tropenpflanzen. Doch fast 97 Prozent überstanden den Umzug in die verschiedenen Ausweichquartiere. Fünf große Palmen – bis zu 17,5 Meter hoch – passten jedoch in keinen Ersatzbau. Sie wurden an den Freizeitpark Tropical Islands abgegeben. Eine Pflanze mit besonders empfindlichem Wurzelwerk, eine Welwitschia aus der Namib-Wüste, durfte an ihrem Standort bleiben, bekam auf der Baustelle ein eigenes Mini-Gewächshaus mit Lampe, Heizung und persönlicher Assistentin.

Das Tropenhaus, dieser 60 Meter lange und 25 Meter hohe Glaspalast, war zwischenzeitlich von einem Gitterwerk aus Gerüststangen durchzogen – aneinandergereiht hätte sich eine Stangenlinie von 53 Kilometern ergeben. Nur so war jeder Punkt in der freitragenden Konstruktion dauerhaft zu erreichen. Die mehr als 100 Jahre alten Stahlträger wurden gereinigt und neu gegen Korrosion versiegelt. Die Fassade aus großen Acrylglastafeln, in den 60er Jahren eingebaut, ist komplett entfernt und durch ein engmaschigeres Netz aus Wärmeschutzscheiben ersetzt. Die Heizkosten – das war Bedingung für die Vergabe von Fördergeldern – sollen um 50 Prozent sinken.

Diesem Ziel dienen auch eine Fassadenheizung – warmes Wasser durchströmt die Fenstersprossen – und zwei Riesenbaumstümpfe, die etwas aus dem Rahmen fallen. Diese 16 Meter hohen Pflanzattrappen aus Beton sind eigentlich Umlufttürme, die warme Luft aus den oberen Etagen nach unten leiten und dabei überschüssige Wärme für die Nacht speichern. Wenn die echten Pflanzen ihre alte Höhe und Blattdichte wieder erreicht haben, sollten die Türme gar nicht mehr auffallen, meint Krebs.

Gesteuert wird das komplexe Lüftungs-, Befeuchtungs- und Temperaturgeschehen durch einen Klimacomputer mit einer selbstlernenden Software. So können die schwer berechenbaren Klimafaktoren, die sich aus dem Pflanzenwachstum ergeben, besser berücksichtigt werden.

Die Grotte mit dem Wasserlauf wurde vollständig abgerissen und rekonstruiert. Auf diesem Betonfelsen thronen wieder die Palmfarne, die mehr als 160 Lenze zählen und als einzige Pflanzen den Krieg überlebt haben. Im Herbst 1943 waren nach dem Einschlag von Sprengbomben alle Fensterscheiben zerborsten, die tropischen Pflanzen erfroren im folgenden Winter.

Rund 17,4 Millionen Euro kostete die Sanierung, damit ist das Budget um rund zehn Prozent überschritten. Dafür macht Krebs gestiegene Stahlpreise und die erhöhte Mehrwertsteuer verantwortlich. Das Geld stammt aus dem Umweltentlastungsprogramm von EU und Land Berlin, aus Mitteln der Hochschulbauförderung und der Lottostiftung.

Keine Schimmelecken mehr, keine veralgten Scheiben, keine Pflanzen-Folter durch stetig herabstürzende Kondenstropfen. Das neue Haus soll vor allem seinen „Nutzern“ dienen, sagt Krebs und meint damit die seltenen Gewächse und ihre Betreuer, die Gärtner. Gleich an zweiter Stelle kommen die Besucher, die drei Jahre auf die Hauptattraktion des Gartens verzichten mussten. Für sie soll es neue Infostelen geben, gestiftet von den „Freunden des Botanischen Gartens“. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit musste dabei auf die inzwischen üblichen computergestützten Animationen verzichtet werden.

Die offizielle Eröffnungsfeier mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ist am Mittwoch, den 16. September. Am 17. und 18. September wird das Publikum eingelassen. Dann gibt es Vorträge und Führungen. Am 19. und 20. September gibt es das „Tropenhaus-Wiedereröffnungsfest“, mit Familienprogramm, Ausstellungen, tropischen Leckereien und Musik. Näheres im Internet: www.bgbm.org/tropenhaussanierung

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