Stadtleben : Boulevard der Puppen

Eine französische Straßentheatergruppe inszeniert bis Montag den Aufstand der Schaufensterfiguren

Heidemarie Mazuhn

„Jetzt hat er es geschafft“, sagt die junge Frau. Sie steht vor dem KaDeWe und guckt gebannt in eines der Schaufenster. In dem liegt ein Mann zu Füßen seiner glückselig blickenden Angebeteten – auf den Trümmern eines ehemals festlich eingedeckten Tisches. Die Liebe muss sehr groß sein – mit der Spitzhacke hat er sich Zutritt zu ihr verschafft. „Am Mittwoch waren die beiden noch durch die Wand getrennt“, lässt die Zuschauerin die Umstehenden wissen. „Er war zu allem entschlossen, sie wartete schon mit Champagner und Kerzenschein. Ich bin gespannt, wie es morgen weitergeht mit den beiden.“

Diese sich dramatisch entwickelnde Geschichte der Verliebten ist nicht die einzige, die täglich in den elf Schaufenstern des Kaufhauses weitergesponnen wird – mit lebensgroßen Puppen der französischen Straßentheatergruppe „Royal de Luxe“. „La Révolte des Mannequins“ – der Aufstand der Schaufensterpuppen – heißt das Projekt, mit dem sich die Compagnie aus Nantes im Rahmen des Festivals „spielzeit’europa“ der Berliner Festspiele vorstellt.

Seit fast 30 Jahren macht „Royal de Luxe“ unter ihrem Gründer und Regisseur Jean Luc Courcoult weltweit mit spektakulären Inszenierungen auf sich aufmerksam. So staunten im Jahr 2006 die Londoner über bis zu 14 Meter hohe Menschen- und Tierfiguren. Im Jahr darauf verwandelte die „Geschichte vom Rhinozeros und der Kleinen Riesin“ die Straßen Santiago de Chiles in ein gigantisches Theaterfest.

Das nach Art eines Comicstrips inszenierte Schaufenstertheater über „La Révolte des Mannequins“ ist der neueste Coup der französischen Theatergruppe. Zu Schau-Fenstern im wahrsten Sinne verwandelten die Franzosen die gläserne Auslage des KaDeWe. Statt Luxus führen die Schaufensterpuppen menschliche Gefühle vor, so als lebten sie wirklich. Dieser Eindruck wird von den Gesichtern der Puppen verstärkt, die denen der Theaterleute aus Nantes nachempfunden sind. Was diese sich für ihre Aufständischen ausgedacht haben, zieht am Wittenbergplatz eine täglich wachsende Schar von „Stammzuschauern“ an. Alle getrieben von der Neugier, wie es denn hinter Glas weitergeht: mit dem Hund, der einem Jäger täglich mehr außer Kontrolle gerät; mit der Geburtstagsfeier des Vampirs oder dem Unglückseligen, der immer mehr in seinem Pfützen-Alptraum versinkt. Ein wahrer Alptraum spielt sich auch im großen Eckfenster ab – aus dem scheinen die Bewohner zu flüchten, nachdem ein Schuss durch die Scheibe schon ein Puppenopfer fand. „Alles muss raus“ ist das Motto der Show hinter Schau-Fensterglas – am 10. November ist Finale.

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