Buchpremiere : Werdet erwachsen!

Statt Dauerparty lieber mal ausschlafen. Martin Reichert schreibt über seine Generation, den Zwang jung und hip zu sein und den Wunsch diese Lebensphase abzuschließen.

Jan Oberländer
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Das Leben ist kein Spielplatz. Martin Reicherts Buch hat heute Premiere. -Foto: Heerde

BerlinDie Zeiten sind vorbei, in denen Martin Reichert mit einer übervollen Umhängetasche durch die Gegend gezogen ist. Der 36-Jährige reist mit kleinem Gepäck: „Schlüssel, Sonnenbrille, Zigaretten, das Handy in der Hosentasche. Reicht doch!“ Reichert lacht und bestellt einen Milchkaffee. Irgendwann im Leben ist es einfach Zeit, Ballast abzuwerfen.

Eben darüber hat Reichert jetzt ein Buch geschrieben. Genauer: Eine witzige Anleitung zum Erwachsenwerden für die „Generation Umhängetasche“. „Wenn ich mal groß bin“ heißt diese als Ratgeber getarnte Bestandsaufnahme einer in die Jahre gekommenen Großstadtjugend Mitte Dreißig, die permanentes Jungsein, Kreativität und Unabhängigkeit zelebriert, in Wirklichkeit aber in einer Sackgasse steckt. Auch ökonomisch: Während die Generation Golf längst in den Gerichten oder im mittleren Management sitzt, lassen sich die Taschenträger immer noch von ihren Eltern finanzieren, hängen in Clubs herum und schwadronieren über ihr neues, tolles Internetprojekt.

Reichert hilft beim Ausbruch aus diesem „Coolness-Knast“. Er ist ein gepflegter Herr mit kurzrasiertem Kopf, Zweitagebart, weißem Oberhemd und schicken Lederschuhen. Kein Spießer, sondern jemand, der gemerkt hat, dass es besser ist, vernünftig zu werden, als ohne Perspektive zu sein. In der Jugend, so der „taz“-Redakteur und studierte Historiker, habe man „das Recht sich zu verlaufen“. Irgendwann aber müsse man sich von den Attitüden und Hirngespinsten der Peergroup – also der Gruppe der Gleichaltrigen und Gleichgestellten – emanzipieren, um tatsächlich sein „eigenes Ding“ zu machen.

Hierbei hilft Reichert, mal als gestrenger Boot-Camp-Chef, mal als Bruce-Darnell-hafter Verhaltenscoach. In seinem Buch räumt er seiner orientierungsbedürftigen Leserschaft die geistige Umhängetasche aus, jedes Kapitel benutzt einen anderen symbolträchtigen Gegenstand, um von einer anderen Facette der Misere zu erzählen: Raus mit der Red-Bull-Dose! Statt zermürbender Dauerparty sollte lieber mal ausgeschlafen werden. Raus mit dem weißen MacBook! Statt digitalem Schluffi-Leben ist eine realistische Karriereplanung angesagt. Raus mit den Zigaretten! Der Körper zwickt und knackt auch so schon genug. Am Ende der Reise ist aller Boheme-Ballast abgeworfen, die Umhängetasche ist leer und kann zum Pfandflaschentransport verwendet werden. Und der Leser? Ist vielleicht ein bisschen erwachsener geworden. So wie Reichert beim Schreiben. Eigenverantwortung statt Drama, Baby!

Die Idee zu der umgekehrten „Ich packe meinen Koffer“-Dramaturgie des Buches entstand im „Freies Neukölln“, Reicherts Stammkneipe. Den Prenzlauer Berg, „die größte Kita der Welt“, wo die Schaukeln am Mauerpark ausdrücklich auch für erwachsene Kinder konstruiert sind, hat er auch geistig längst hinter sich gelassen. Seit 2002 wohnt Reichert im „Kreuzköllner“ Kiez, der sich auch langsam zum Szenebezirk mausert, in einer schönen, günstigen Zweizimmerwohnung mit Balkon und Dielen. Die Wochenenden verbringt er bei seinem Freund und zukünftigen Ehemann in einem restaurierten Fachwerkhaus in Kremmen (Oberhavel). Dort spielt auch seine monatliche Zeitungskolumne „Landmänner“, in der Reichert das Leben im Brandenburgischen aus Perspektive des schwulen Stadtmenschen beleuchtet.

Von dem Vorschuss für das Buch, erzählt er, habe er sich endlich ein richtiges Bett kaufen können. Bei Ikea. Vorher, in seiner Freelancer-Zeit, habe es „dazu einfach nicht gereicht“. Reichert zündet sich eine Zigarette an. Entgegen seiner eigenen Empfehlung! Tja, sagt er und grinst, Erwachsenwerden gehe eben nicht von heute auf morgen. „Aber ich bin auf einem guten Weg.“ Jan Oberländer

Buchpremiere heute, 20.30 Uhr, in der Leserlounge des Magazins „Zitty“. Kantine@Berghain, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain.

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