Buchrezension : Ganz und gar auf Friedenau verlegt

Evelyn Weissberg und Hermann Ebling haben ein Buch über Berühmtheiten ihres Stadtteils herausgebracht - es ist bereits das dritte.

Christoph Stollowsky

Ihr Balkon hat keinen romantischen Ausblick auf Parkwiesen oder reich verzierte, gründerzeitliche Nachbarhäuser. Tief unten brausen Autos über die Stadtautobahn, und auf der Friedenauer Brücke, die hier die A103 überquert, rollt gleichfalls immerzu Verkehr. Doch wenn Hermann Ebling und Evelyn Weissberg auf diesem Ausguck ihrer Wohnung an der Rembrandtstraße ihre Friedenauer Geschichten erzählen, ist von alledem schon nach ein paar Sätzen keine Rede mehr. Bei ihrer Rückschau vergessen sie sogar den kalten Novemberwind, der an der Brüstung entlangstreicht. „Wenn ich auf unsere Brücke schaue“, sagt Hermann Ebling, „sehe ich Ernst Ludwig Kirchner, wie er das Viadukt malte. Oder Rosa Luxemburg, wie sie hundertfach darüberhumpelte, um an der Saarstraße die Familie des Sozialisten Karl Kautsky zu besuchen.“

Seit 30 Jahren leben die beiden in Friedenau. Fast ebenso lange sammeln sie Postkarten, Schriftstücke und vieles andere über die Lebensgeschichten der Bewohner und die Vergangenheit ihres Stadtviertels. Eine spannende Leidenschaft, denn Friedenau war mit seinen typischen Vorgärten nicht nur über Jahrzehnte ein bürgerliches „Dorado der Tonzwerge“, wie es Spötter bezeichneten, sondern auch Refugium vieler Künstler, Schriftsteller und Politiker, kurz, der Bohème. Doch irgendwann wollte das Paar seine historischen Fundstücke nicht nur zusammentragen und davon erzählen, sondern für alle Berliner dokumentieren.

1986 veröffentlichten sie im Eigenverlag „edition Friedenauer Brücke“ ihr erstes Buch. Titel: „Aus dem Leben einer Landgemeinde.“ 2006 erschien ein Band über den Künstlerfriedhof Friedenau – und gestern stellten sie ihr neuestes Werk vor: „Friedenau erzählt – Geschichten aus einem Berliner Vorort 1871 bis 1914.“

Der Friedenauer Brücke sind sie dabei treu geblieben. Ernst Ludwig Kirchners gleichnamiges Gemälde schmückt den Titel. 1914 hat er es aus einer ähnlichen Perspektive gemalt, wie man die Brücke heute vom Balkon des Verlegerpaares aus sieht. Allerdings führte sie damals nur über die Berlin-Potsdamer Eisenbahnstrecke, über die heute noch die S-Bahn rattert. Gut zehn Jahre vorher gehörte dieser Überweg zum Alltag von Rosa Luxemburg. Sie wohnte von 1902 bis 1911 mit ihrer abgöttisch geliebten Katze Mimi jenseits der Wannseebahn in der Cranachstraße und genoss nach ihrem Gang über die Gleise das bunte Leben in der Familie des sozialdemokratischen Theoretikers Kautsky. „Mit unseren Jungs trieb sie die tollste Allotria“, erinnerte sich Luise Kautsky. „Stundenlang konnte sie mit glühenden Wangen mit ihnen beisammen hocken.“ Rosa - ganz privat. „Zumeist wird sie nur als politische Frau geschildert. Wir wollen die Menschen, von denen wir erzählen, mit allen Facetten zeigen“, sagt Evelyn Weissberg.

Dazu gehören auch die Pioniere, die vor den südwestlichen Toren Berlins aufs flache Land die ersten Friedenauer Villen bauten. Später musste ihre Kolonie größtenteils höheren Mietshäusern weichen, die Einwohnerzahl wuchs, interessante Persönlichkeiten und Originale waren darunter – und werden in dem reich illustrierten Buch wieder lebendig: Aron Bernstein, der schon im späten 19. Jahrhundert die jüdische Gemeinde modernisieren wollte, die Maler des Künstlerbundes „Brücke“, Schriftsteller Georg Hermann, Landrat Prinz von Handjery, Erich-Kästner-Illustrator Walter Trier, Lokalpoet Eduard Jürgensen, genannt Onkel Ete, Wachtmeister Meier oder Radrennmeister Thaddäus Robl, der im legendären, längst verschwundenen Friedenauer Sportpark am heutigen S-Bahnhof Bundesplatz Weltrekorde fuhr.

„Wir sind die Wege all dieser Menschen abgegangen, so lange, bis die Steine zu uns gesprochen haben“, erzählt Hermann Ebling. Sie haben Archive durchforstet und weltweit recherchiert. Walter Trier beispielsweise wanderte nach seiner Flucht vor den Nazis später nach Kanada aus. In der „Art Gallery of Ontario“ trieb Evelyn Weissberg Zeichnungen von ihm auf. Im Buch sind diese zu sehen.

Wie schafft man das alles in der Freizeit neben Beruf und drei Kindern? Sie arbeitet als Grafikerin, er als Tonmeister bei Spielfilm-Produktionen. Beide sagen: „Mit Begeisterung.“ Und so haben sie alles selbst gestemmt. Recherche, Gestaltung, Text, Werbung, Vertrieb. Viel verdienen lässt sich mit einem derart aufwändigen Berlin- Buch nicht. „Das ist ein selbst verordneter Ein-Euro-Job“, lacht Hermann Ebeling. Aber im Kopf hat er schon das nächste Projekt. Einen Nachfolgeband über die 20er und 30er Jahre.“

„Friedenau erzählt – Geschichten aus einem Berliner Vorort 1871 bis 1914“, Edition Friedenauer Brücke, www.friedenauer-bruecke.de, 351 Seiten, 39 Euro, ISBN: 978-3-9811242-1-7.

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