Bühne : Rebellische Kängurus

Die „Lesedüne“ lädt zum neuen Programm ins Mehringhof-Theater: Auf dem Programm steht das Beste aus vier Jahren, Gästen, Musik – und humoriger Systemkritik.

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Nicht alles rosarot. Wo es hakt im Staate Deutschland, will die »Lesedüne« im satirisch-bissigen Programm aufdecken. Friedlich...Foto: David von Becker

Das Kottbusser Tor ist durch die beschlagenen Fenster der Bar „Monarch“ kaum mehr zu erkennen, langsam versinkt die Welt draußen im Winterdunst. Die für Verschleierungstaktiken im politischen Weltgeschehen sonst so aufmerksamen Männer auf der Bühne stört das an diesem Abend nicht. Versunken sitzen sie mit Bleistiften über ihren Papieren, ergänzen hier ein Wort, streichen dort einen Satz durch. Wie auch ihre rund fünfzig Gäste scheinen sie gelassen darauf zu warten, dass es bald losgeht mit der „Lesedüne“.

Plötzlich steht einer von ihnen auf, es ist Maik Martschinkowsky, der den „Comedy-Soap-Abend zwischen Monty Python, den Simpsons und Franz Kafka“ mit einem Gedicht beginnt: „Das Schönste, was die Welt erschuf / ist das Pferd mit seinem Huf.“ Das hört sich erst mal nicht nach dem „systemrelevanten Humor“ an, den sich die vier Mitglieder der „Lesedüne“ auf ihre Fahnen geschrieben haben. Doch als Nächster tritt Marc-Uwe Kling ans Mikro, und natürlich hat der 27-jährige Kreuzberger auch seinen „Mitbewohner“, ein fiktives Känguru mit antikapitalistischer Weltsicht – bekannt aus seinem Podcast beim Radiosender „Fritz“ –, dabei. Dann geht es los mit der satirischen Kritik: Gegen Entmenschlichung, wie sie sich in Arbeitszeugnis-Vokabeln wie „teamfähig“ und „flexibel“ ausdrückt. Und für das Recht auf Rebellion – die beim Känguru aber schnell in Richtung pauschaler „Ihr seid alle Faschisten“-Tiraden und Farbbeutelwürfe ausufern kann.

„Da unsere Systemstrukturen so voller Brüche und Widersprüche sind, muss man die eigene Kritik daran ebenfalls ironisch gebrochen präsentieren“, sagt Kling, der die „Lesedüne“ 2004 zusammen mit zwei ehemaligen Kommilitonen von der FU, Sebastian Lehmann und Tagesspiegel-Autor Kolja Reichert, gegründet hat. Zwei Jahre später kam Martschinkowsky dazu, seitdem treten die vier regelmäßig auf. Erst in der Strandbar „Kiki Blofeld“, dann im „Edelweiß“ im Görlitzer Park, seit Anfang 2010 zweimal im Monat im „Monarch“ in der Skalitzer Straße.

Bühnenerfahrung haben die Männer reichlich. Kling und Reichert moderieren seit 2007 an jedem ersten Dienstag im Monat den Kreuzberg Slam, der mittlerweile zum größten Poetry Slam der Stadt geworden ist. Unter dem Motto „Dein Text. Deine Bühne. Deine fünf Minuten“lesen jeweils bis zu zwölf Poeten, meist kommen rund 500 Gäste ins „Lido“.

Ab Mittwoch präsentiert die „Lesedüne“ ihr neues Programm „Das ging viel zu lange gut mit uns.“ Mit dem Besten aus vier Jahren und viel neuer „post-post-ironischer“ Performance und Literatur.

Bis 13.2. jeweils 20 Uhr im Mehringhof-Theater, Gneisenaustraße 2a. Karten 10–20 Euro, www.mehringhoftheater.de, Tel. 6915099 und: www.kreuzbergslam.de

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