Bürgerstiftung : Pfadfinder für die Welt der Fantasie

In der Bürgerstiftung engagieren sich 250 ehrenamtliche Helfer, um die Lust am Lernen zu fördern. Besonders in den letzten Jahren habe die Gettoisierung zugenommen, heißt es dort.

Elisabeth Binder
Bürgerstiftung
Lust auf Lesen machen: Ein Lesepate in Kreuzberg. -Foto: Bürgerstiftung

„Papa, erzähl mir doch noch eine Geschichte!“ Dieser Wunsch gehört zu den Klassikern einer behüteten Kindheit. Märchen und Geschichten erzählt oder vorgelesen zu bekommen, ist in unserer Gesellschaft inzwischen aber zu einem Privileg geworden, an dem längst nicht alle Kinder teilhaben. Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien zum Beispiel erreichen das Schulalter oft, ohne dass ihnen jemals auch nur ein einziges Märchen vorgelesen wurde. Viele haben nie ein Bilderbuch zu Gesicht bekommen. Die Folge ist fatal: An den Schulen sozialer Brennpunkte fehlen Erstklässlern, die keinen Kindergarten besucht haben, schätzungsweise 600 Vorlesestunden. Das bedeutet, dass sie nicht mal ihre Muttersprache richtig beherrschen und schon in dieser kaum mehr als 100 bis 200 Wörter zur Verfügung haben, um sich auszudrücken. So viele kennt schon ein dreijähriges Kind, dem regelmäßig vorgelesen wird. Ein gesellschaftlicher Abgrund tut sich da auf, der bearbeitet werden muss. Der Staat kann das nicht leisten.

Zum Glück gibt es die Bürgerstiftung Berlin. Als sie vor acht Jahren gegründet wurde, war noch nicht mal absehbar, wie rasant die Probleme wachsen würden, derer sich die derzeit rund 250 Ehrenamtlichen annehmen. Besonders in den letzten zwei Jahren sei die Gettoisierung in den inneren Stadtbezirken extrem fortgeschritten, hat Geschäftsführerin Helena Stadler beobachtet. Da deutsche Eltern ihre Kinder aus Brennpunktschulen herausnehmen, erreichen diese oft einen Migrantenanteil von knapp 100 Prozent.

Vor sich hat Helena Stadler einen Stapel von Bildern liegen. Sie zeigen Kinder, die mit großen Augen an Erwachsenen hängen, die ihnen etwas vorlesen und so ihren Horizont weiten, ihnen die Welt der Fantasie öffnen. Mithilfe einer privaten Spende hat die Stiftung vor drei Jahren an der Kreuzberger Lenau-Schule das Projekt Leselust initiiert. Dazu gehören nicht nur die Vorleseaktionen mit den freiwilligen Lesepaten. Auch die Gründung von Bibliotheken ist ein wichtiger Aspekt. Die ausgefallene Vorlesephase führt nämlich dazu, dass Kinder Laut- und Buchstabenfolgen nur mechanisch kombinieren und keine inhaltlichen Vorstellungen damit verbinden. Sie können dann oberflächlich betrachtet zwar lesen, aber nicht verstehen. Die Schulbibliotheken bieten neben Büchern auch Rückzugsmöglichkeiten, damit die Kinder sich mal ganz in Ruhe in Bilderbücher vertiefen können.

Die Gründe der ehrenamtlichen Helfer, sich zu engagieren, sind ganz unterschiedlich. Für viele Lehramtsstudenten bieten die Projekte ideale Möglichkeiten, sich früh Einblicke in die Praxis zu verschaffen. Besonders um männliche Studenten wirbt die Stiftung an den Universitäten gezielt, da sie für die Jungen wichtige Rollenmodelle liefern. In vielen Migrantenfamilien herrscht bei den Vätern das Gefühl, es sei unmännlich, sich um die Kinder zu kümmern.

Die Mütter hingegen werden gezielt eingebunden und einmal in der Woche gemeinsam mit ihren Kindern zum Bilderbuchkino eingeladen. Da gibt es Tee und eine Verlosung und einen Diavortrag, der ein schönes Bilderbuch zum Inhalt hat. Eine ehrenamtliche Helferin liest den deutschen Text dazu laut vor, eine Übersetzerin trägt den Text in der jeweiligen Nationalsprache vor. Diese Aktionen haben sogar einen doppelt guten Effekt, weil die Mütter eigene Kindheitsdefizite aufholen und selber ihre Sprachkompetenz erweitern. In den Ferien dürfen die Kinder Bücher ausleihen, damit sie am Ende den anderen davon erzählen können.

Leselust ist nicht das einzige Projekt, das die Bildungsdefizite bei Migrantenkindern ausgleichen hilft. Es gibt auch in den Naturwissenschaften Projekte, zum Beispiel einen Experimentierclub für Mädchen, der an Gymnasien helfen soll, naturwissenschaftliches Selbstvertrauen zu stärken. Paten, die sich da engagieren, sind Physiker, Chemiker oder Ingenieure. „Berlin rechnet!“ heißt ein Projekt, bei dem es um die Imageverbesserung der Mathematik geht. Da geht zum Beispiel ein Malermeister in die Schule und zeigt, wie man Angebote erstellt. Oder ein Handyanbieter führt vor, wie er verschiedene Tarife berechnet. Die Helfer der Bürgerstiftung betreuen auch regelmäßig Kinder bei den Hausaufgaben.

Am heutigen Montag feiert die Bürgerstiftung bei einem Empfang in der Deutschen Oper alles, was sie bisher erreicht hat. Immer mehr Mitwirkende, so formuliert es der Vorsitzende der Stiftung, Aldo Graziani, spenden menschliche Zuwendung, wecken Vertrauen in verschüttete Möglichkeiten und Lust am Leben. „Die einen geben Geld, die anderen Zeit“, sagt Helene Stadler nüchtern. Beides kann die Stiftung gut gebrauchen. Denn die Probleme wachsen weiter.

Wer mitmachen möchte, meldet sich unter der Telefon-Nummer (030) 83 22 81 13 oder per E-Mail an mail@buergerstiftung-berlin.de. Auch Geldspenden für Bilderbücher sind willkommen.

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