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Butler-Auftritt : Heftige Diskussionen nach Kritik an CSD

Die Veranstalter des Berliner Christopher Street Day wehren sich gegen Kritik an der Parade. Die Vorwürfe der US-Philosophin Butler seien falsch. Unterdessen wurde bekannt, dass ein HIV-Positiver auf einem Umzugswagen zwei Personen gebissen haben soll.

von , und Ferda Ataman
Bunt verliebt. Am Samstag nehmen wieder tausende Teilnehmer und Partygäste an der schwul-lesbischen Christopher-Street-Day-Parade teil, die durch die City West zum Brandenburger Tor zieht. Unter dem Motto "Normal ist anders!" demonstrieren Schwule, Lesben und Transsexuelle für gleiche Rechte.
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19.06.2010 16:57Bunt verliebt. Am Samstag nehmen wieder tausende Teilnehmer und Partygäste an der schwul-lesbischen Christopher-Street-Day-Parade...

Die Kritik der amerikanischen Philosophin Judith Butler, der Berliner Christopher Street Day (CSD) sei zu kommerziell und die Veranstalter würden rassistische, imperialistische und kapitalistische Positionen vertreten, hat heftige Diskussionen ausgelöst. Butler hatte, wie berichtet, auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor den Preis für Zivilcourage des CSD mit einer Rede auf Deutsch abgelehnt. Kurz zuvor hatte Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, die Laudatio gehalten und dabei Kritik aus dem Publikum geerntet, weil sie Butlers Namen mehrfach falsch aussprach.

Zu einem Zwischenfall soll es Samstag auch auf einem Umzugswagen gekommen sein. Die Polizei nahm einen 43-Jährigen fest, der zwei Personen gebissen haben und nach eigenen Angaben HIV-positiv sein soll. Die Bissverletzungen sollen nicht geblutet haben, hieß es. Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich um einen Ex-Teilnehmer der „Big Brother“-Sendung.

In ihrer Rede schlug Butler vor, den Preis lieber antirassistisch arbeitenden Vereinen zu geben wie „Gladt“, „Suspect“ oder „ReachOut“. Tülin Duman, Geschäftsführerin von Gladt, freut sich über die Haltung der Gender-Aktivistin. „Wir erleben immer wieder, wie einzelne Vertreter von Homosexuellenverbänden sich rassistisch äußern“, sagt sie. Sätze darüber, dass Türken und Araber „homophober sind“, bestärkten eine Mehrfachdiskriminierung. Auch seien falsch geführte Statistiken von Hilfsvereinen ein Problem, in die Einschätzungen der Täter wie „Ich glaube, es war ein Türke“ aufgenommen würden. „Wir spüren in der Paradeszene ein Rücken nach rechts“, sagt Duman.

Stephan Reck vom Infoportal Berlin.gay-web.de teilt die Kritik, der CSD sei zu kommerziell und zu unpolitisch. Auch bei dem Thema Mehrfachdiskriminierung „passiert zu wenig“, sagt er. „Viele Projekte haben nur schwule Männer im Blick.“ Der Geschäftsführer des CSD-Veranstalter-Komitees, Robert Kastl, wies die Vorwürfe entschieden zurück: „Das ist vollkommen absurd und haltlos, wir wenden uns massiv gegen jede Form von Rassismus.“ Die CSD-Organisatoren würden sich explizit von Islamophobie in der schwullesbischen Community distanzieren – „die es mitunter gibt“, so Kastl.

Was die Kommerz-Kritik angeht, sagte Kastl, man habe kleinen Gruppen wie Sonntagsclub e.V. die Gratis-Teilnahme ermöglicht und wirke der Kommerzialisierung entgegen. Üblicherweise liegt die Gebühr für einen Wagen je nach Größe zwischen 50 und 1500 Euro. Lediglich ein Viertel der Wagen werde von kommerziellen Anbietern wie Clubs gestellt, die große Mehrheit sei von Parteien oder Gewerkschaften. Das Budget von 190 000 Euro käme über Spenden, Gebühren und Sponsoren hinein, „anders können wir so ein Großereignis nicht stemmen“. Zu Butlers Forderung, dem Verein Lesbenberatung einen Preis zu geben, sagt Kastl: „Frau Butler wusste offenbar nicht, dass die Lesbenberatung diesen Preis schon bekommen hat.“ Der lesben- und schwulenpolitische Sprecher der Grünen, Thomas Birk, sagt, Butlers Auftritt sei ein „Affront“. Jeder CSD sei demokratisch vorbereitet, die politischen Forderungen seien oft in Bundesrats- oder Abgeordnetenhausinitativen gemündet. Man wolle viele Menschen erreichen, daher sei es zu begrüßen, dass der CSD in der Gesellschaft angekommen sei. „Und auch bei Gewerkschaftsdemos gibt es Getränke- und Essensstände.“ Es sei fatal für das Image der Stadt, welches Berlin-Bild Butler in die USA zurücktrage.

Sirko Salka, Chefredakteur des Magazins „Siegessäule“ äußerte sich versöhnlich: „In Berlin haben wir Glück, dass wir zweimal CSD feiern können - vor dem Brandenburger Tor und am 26. Juni in Neukölln und Kreuzberg beim alternativen Transgenialen CSD. Beide CSDs waren und sind politisch.“ Die Tatsache, dass in den vergangenen zehn Tagen über vier Überfällen auf Schwule und Lesben berichtet wurde, zeige, dass jede Demonstration trans- und homosexueller Lebensweisen wichtig und hochpolitisch sei.

Butler kam auf Einladung der CSD-Veranstalter. Diese zahlen den Flug und ihre Unterkunft im Hotel Adlon.

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