BVG-Streik : Daumen hoch und durch

Limonadenvertreter, Blumenmogule, kranke Spanier, Glücksgefühle: Was man als Tramper in Berlin erlebt.

Stefan Jacobs

Der nächste Bus vor meiner Haustür fährt frühestens in einer Woche. Zur Arbeit muss ich aber schon heute. Also warm angezogen, raus an die Haltestelle, Daumen hoch: Sind die gut 20 Kilometer aus dem Köpenicker Hinterland bis zur Tagesspiegel-Redaktion in der Potsdamer Straße per Anhalter zu bewältigen?

Autos brummen vorbei. Immer nur einer drin. Ich könnte an der nächsten Ampel lauern und ans Fenster klopfen, aber das empfände ich als Nötigung. Andererseits wäre es vielleicht die einzige Chance für einen, der zwar nicht nach Intensivtäter, aber ebenso wenig nach Scarlett Johansson aussieht, nicht mal von weitem. „Viel Glück!“, ruft ein Radler. Immerhin.

Ein Taxi naht, ich lasse den Daumen sinken. Es hält trotzdem. „Steigense ein“, sagt der Fahrer, „ich nehme Sie auch ohne Geld mit, jedenfalls bis Rudow, da muss ich hin. Kann sich doch nicht jeder ein Taxi leisten, und ein bis zwei gute Taten pro Tag sind gut fürs Gemüt.“ Sein Taxibetrieb, Detlef Preß, sei eine Zwei-Mann- Firma; es laufe so làlà. „Bei Unwetter nehme ich immer mal ’ne Frau mit Kind oder ’ne Oma so mit“, erzählt er, der 25 Jahre lang Sattelschlepper durch Europa kutschiert hat und den Deutschen attestiert, „dass sie große Schwierigkeiten beim Einfädeln haben“. Und dass Berliner in diesem Punkt besonders deutsch seien. Aber er sei ruhig geworden über die Jahre. Dann sind wir in Rudow, wo eine durchgefrorene Menschentraube offenbar schon lange auf den U 7-Ersatzbus wartet.

20 Autos und drei Minuten später sitze ich in einem Audi. Eine Sauerei sei der Streik, sagt der Fahrer, gestern habe er die Mieterhöhung für einen seiner Blumenkioske in einem U-Bahnhof bekommen. 1000 Euro für zehn Quadratmeter, keine Chance auf Schadensersatz, die Angestellten im Zwangsurlaub, der Lehrling kommt nicht zur Berufsschule, die Blumen muss er wegschmeißen, und am Samstag ist Frauentag, also Hochsaison. Wie Valentinstag, als der Warnstreik war. „Es ist zum Brechen“, aber der Senat solle hart bleiben: „Wenn Polizisten mehr Geld wollen, verstehe ich das, denn die müssen eine Menge Dreck fressen. Oder wenn sie bei Eon oder BMW streiken würden. Aber die BVG darf nicht noch teurer werden.“ Er sei, sagt der Blumenmogul, sehr für Mindestlöhne: Mit staatlicher Anschubfinanzierung für Mittelständler, und wenn die kleinen Leute erst ihre Schulden getilgt hätten, könnten sie endlich wieder Geld ausgeben, so dass die Konjunktur von selbst laufe.

Wir trennen uns an der Hermannstraße, ich warte 42 Autos und vier Minuten lang. Der nächste Audi ist deutlich neuer und die Pharmareferentin am Steuer guter Dinge. „In diesen Zeiten muss man zusammenhalten“, sagt sie, die gestern schon ihren Nachbarn aus Lankwitz zum Ku’damm gefahren hat. Sie würde auch mich ans Ziel bringen, wenn ich’s eilig hätte, aber ich steige an der Kienitzer Straße aus. Sie muss dort einen Arzt besuchen. Und ich habe in 40 Minuten mehr als die halbe Strecke geschafft.

Der VW-Busfahrer, der mich gleich duzt und bis zur Hasenheide mitnimmt, war in jungen Jahren Vieltramper: von Dreilinden nach Westdeutschland, das lief immer gut, weil auf der DDR-Transitstrecke niemand verloren ging. Lächelnd spricht er von der Zeit, als er noch keine zwei Kindersitze auf der Rückbank hatte.

Dass sich selbst Gutes noch verbessern lässt, merke ich in dem nagelneuen Ford Mondeo, der nach vier Minuten stoppt: Sitzheizung, aah. Der Fahrer ist Anfang 30 und „Brand Ambassador“. Das bedeutet nicht etwa „Löschwasser“, sondern „Markenbotschafter“: In diesem Fall für ein Trendgetränk namens Aloa-Limonade, das er zurzeit unters Gastronomenvolk bringt. Wie Bionade, aber mit dem „Charakter einer Surfer-Limonade“. Also ideal für die Berliner Strandbars, deren Gäste im Grunde ihres Herzens ja auch irgendwie Surfer sind. Der Ford ist übrigens ein Dienstwagen, der Fahrer Veranstaltungskaufmann und über Vitamin B an den Job gekommen. Auf seine geliebte Vespa werde er nun wohl verzichten müssen, weil da die Proben nicht reinpassen.

Ich stehe noch keine Minute an der Bushaltestelle vor den Yorckbrücken, als mir ein Radler zuruft: „Schweinerei mit dem Streik!“ Kaum ist er vorbei, stoppt ein gebrechlicher Citroën: Ein Vater bringt seinen Sohn zum Arzt am Nollendorfplatz. Als gelernter Konditor kam er vor mehr als 20 Jahren aus Galizien nach Berlin. Manchmal hat er Heimweh nach dem spanischen Nordwesten, wo der Jakobsweg endet und das Wetter eher englisch ist. Es gäbe noch so viel zu erzählen, aber hinter mir hustet der kranke Sohn und vor mir liegt der letzte Kilometer meines Weges. Adiós und gute Besserung; ich postiere mich an der Bülowstraße.

Wieder hält ein Taxi, obwohl ich den Daumen kurz gesenkt habe: „Und wo soll ich mein Geld herkriegen?“, blafft der Fahrer und braust weiter. Dafür hält ein Paar im Golf. „Der Dieter nimmt immer gern jemanden mit“, sagt die Beifahrerin, nachdem ich hinten neben einem Berg leerer Wasserflaschen Platz genommen habe. Der Dieter bestätigt, dass es ihm unangenehm sei, so viel Blech unnütz spazieren zu fahren. Vertiefen können wir das Thema nicht, denn ich bin am Ziel. Nach einer Stunde und 15 Minuten. So lange hätte ich auch mit funktionierender BVG gebraucht. Nur, dass mir Berlin sonst selten so lieb ist wie heute.

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