Casting : Komparsenansturm im Tiergarten

Hunderte kamen, um eine Rolle in einem Jerry-Cotton-Krimi, einem DDR-Spielfilm oder einem TV-Zweiteiler zu ergattern.

Florian Ernst

Um kurz vor zwölf ist am Mittwoch in der Thomasiusstraße in Tiergarten schon mächtig was los. Hunderte stehen auf dem Gehweg Schlange. Sie alle sind gekommen, um an einem Casting der Agentur Filmgesichter teilzunehmen. 3500 Komparsen sucht die Agentur laut Aufruf an diesem Tag für gleich drei Produktionen. Eine davon ist ein „Jerry Cotton“-Krimi, der zwar in New York spielt, aber in Berlin gedreht wird. Weitere Komparsen benötigt die Agentur für einen nicht näher benannten TV-Zweiteiler. Zudem werden fast 500 „DDR-Bürger“ für den Film nach dem Roman „Boxhagener Platz“ gesucht.

Für eine ältere Frau in einer roten Jacke ist letzterer Film der Wunschkandidat. Sie hat in den 60er Jahren, in denen die Filmhandlung spielen soll, selbst in der Nähe des Boxhagener Platzes in Friedrichshain gewohnt. Mittlerweile lebt die arbeitslose 60-Jährige in Hellersdorf.

In der Ausschreibung hatte die Agentur Frauen und Männer jeden Alters, Studenten, Hausfrauen, Hundebesitzer, Punks, Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrmänner, ärztliches Personal und Männer aller Berufsgruppen aufgerufen, am Casting teilzunehmen. „Sehr gerne viele auch 60- bis 80-jährige Berlinerinnen und Berliner“. Ein älterer Herr mit einer Lederjacke hofft eher darauf bei den Jerry-Cotton-Dreharbeiten eingesetzt zu werden. Er selbst war schon zweimal in New York und schwärmt vom „lockeren Leben“ in Brooklyn.

Punks und Hundebesitzer sind auch um halb eins in der Schlange – sie ist mittlerweile doppelt so lang – eher die Ausnahme. Und wie sollte man eigentlich als DDR-Bürger aussehen? Ältere Menschen sind dagegen zahlreich vertreten. Die Wartenden verkürzen sich mit Gesprächen über das Wetter oder Erfahrungsberichten von ähnlichen Castings oder Komparseneinsätzen die Zeit.

Für die Frau in der roten Jacke ist es das erste Casting. Aber ihre Cousine sei schon mal in der U-Bahn als Komparsin entdeckt worden, erzählt sie. Der Mann in der Lederjacke hat immerhin bereits bei einer Veranstaltung in einem Neuköllner Hotel mit Klatschen Geld verdient. Eine Studentin erzählt, sie habe bei einer Serie durchs Bild laufen dürfen. Nur schrittweise geht es unterdessen in Richtung des Agenturbüros voran. Ein Passant blickt ungläubig auf die Wartereihe. „Das ist ja wie damals beim Begrüßungsgeld“, ruft er den Wartenden zu und geht weiter. Etwa 50 Euro gibt’s pro Drehtag.

Nach knapp zwei Stunden hat die Frau in der roten Jacke das Büro endlich erreicht. Drinnen geht alles ganz schnell. Zunächst muss sie ein Formular mit den persönlichen Daten ausfüllen. Darunter Schuhgröße, Hutgröße und Kragenweite. Was danach kommt, erinnert an Szenen aus Kriminalfilmen. Für mehrere Fotos müssen sich die Bewerber vor eine Wand stellen und einen Zettel mit einer Nummer vor die Brust halten. Danach geht es wieder nach Hause. Wer ausgewählt wurde, wird wenige Tage vor dem eigentlichen Dreh per Anruf oder Mail benachrichtigt. Eine gute Idee für die Agentur hat eine Frau, die das Casting bereits hinter sich hat: „Die sollten die ganzen Leute aus dem Jobcenter herschicken.“

Für alle, die Lust bekommen haben, gibt es einen weiteren Casting-Termin: Mittwoch, 18. März, 12 bis 18 Uhr in der Moabiter Thomasiusstraße 26/27.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben