Stadtleben : Cineasten hinter Gittern Im Tegeler Gefängnis lief

ein türkischer Knastfilm

Daniela Marten

Vural Celik sieht aus, als seien seine Hände feucht. Reden mag er im Moment nicht, er habe so ein beklemmendes Gefühl. Celiks Blick haftet an den Fingern eines Wachmanns der Justizvollzugsanstalt Tegel. Der Wachmann blättert seinen türkischen Pass sehr sorgfältig durch, schaut genau aufs Foto. Dann öffnet sich endlich die große Flügeltür des Gefängnisses. Celik steht draußen im Regen und wirkt sehr erleichtert.

Der Mann mit dem kleinen Bäuchlein war gerade sozusagen gleich doppelt im Gefängnis: Drei Stunden in der deutschen Anstalt und gleichzeitig zwei Jahre in dem türkischen Untersuchungsgefängnis Bayrampasa. So heißt auch der Film, in dem Celik die Hauptrolle spielte und der an diesem Montagabend im Freizeitsaal der JVA Tegel gezeigt wurde – die ungewöhnlichste Veranstaltung der 6. Türkischen Filmwoche Berlin. Die meisten Darsteller – außer Celik – sind Häftlinge und Wärter aus Bayrampasa.

Das Berliner Publikum ist ebenfalls türkischer Herkunft. Auf den harten Holzstühlen im Saal sitzen muskulöse Häftlinge mit Bomberjacken, gegelten Pferdeschwänzen oder ausrasierten Schläfen und Nacken. Ihre Aufpasser stehen mit verschränkten Armen am Rand. Außerdem im Publikum : mehrere Abgeordnete der Grünen, etwa Özcan Mutlu. Und Justizsenatorin Gisela von der Aue, die den türkischen Staatsanwalt Metin Sentürk vorstellt. Sentürk ist für das türkische Gefängnis Bayrampasa zuständig und hat das Film-Projekt ermöglicht: Die Gefangenen haben unter der Anleitung des bekannten Drehbuchautors Birol Güve das Drehbuch selbst verfasst – inklusive Kritik am türkischen Rechts- und Gefängnissystem. Der Film wurde bei laufendem Gefängnisbetrieb gedreht.

Für die Gefangenen in Tegel ist der Staatsanwalt anscheinend eine Art Held, so laut pfeifen und klatschen sie, als er sich zum Publikum umdreht. Überhaupt reagieren diese Zuschauer etwas anders als andere Kinogänger: Sie applaudieren immer wieder begeistert bei bestimmten Gefängnisalltagsszenen, zum Beispiel als Celik in der Rolle des unschuldigen Häftlings bei der Leibesvisitation auch noch die Unterhose ausziehen muss. Oder als der friedlich-naive Protagonist nach langen Monaten in Haft plötzlich die Beherrschung verliert und einem anderen Gefangenen eine Kopfnuss verpasst.

„Ziemlich real und doch lustig“ findet Ahmed, Mitte 40 und wegen Betrugs in Tegel, den Film. Er glaubt, dass das türkische Gefängnissystem inzwischen besser sei als das deutsche. Man nehme dort mehr Rücksicht auf Religion und es gebe besseres Essen. Ahmeds Meinung sind anscheinend mehrere JVA-Häftlinge: Sie bilden nach dem Film Grüppchen um die Justizsenatorin, Mutlu und den türkischen Staatsanwalt, um sich über die Haftbedingungen in Tegel zu beschweren. Zwei Gefangene hätten ihn sogar nach einer Möglichkeit gefragt, den Rest der Strafe in der Türkei zu verbüßen, sagt Sentürk und berichtet stolz von Reformen im türkischen Strafvollzug. Und der Film solle noch mehr Verbesserungsvorschläge liefern. Daniela Marten

www.tuerkischefilmwoche-berlin.de

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